Ueber naiven und kritischen Realismus. Von W. Wundt. Erster Artikel. Einleitung. Schlagwörter, wie sie insonderheit in der Philosophie üblich sind, um bestimmte Richtungen des Denkens zu kennzeichnen, mögen häufiger schädlich als nützlich sein. Geschieht es doch allzu leicht, dass Anschauungen, die in Wirklichkeit weit ausein¬ ander liegen, zusammen geworfen oder verwechselt werden, bloß weil sie zufällig von einem gewissen Gesichtspunkte aus unter die nämliche Etikette gebracht werden können. Wenn nun vollends ein Begriff, wie der des »Realismus«, so ungeheuren Wandlungen unterworfen gewesen ist, dass die aristotelische Philosophie, die scholastische Theologie und die allerverschiedensten Systeme der modernen Philosophie von den Substanzlehren Descartes’, Spi¬ noza’s und Herb art’s an bis zu dem Materialismus sammt und sonders gelegentlich realistische Denkweisen genannt wurden, so liegt die' Frage nahe, ob es nicht besser wäre, ein Wort ganz zu vermeiden, das durch diese Vielheit der Bedeutungen nachgerade bedeutungslos geworden zu sein scheint. Dennoch bleiben solche Schlagwörter nicht bloß in einem ge¬ wissen Maße unentbehrlich, sondern gerade in diesen ihren ge¬ schichtlichen Wandlungen sind sie zugleich bedeutsame Symptome der in einer bestimmten Periode vorherrschenden Denkrichtungen. Wundt, Philos. Studien. XTT. o-t