Ueber die Eintheilung der Wissenschaften. Von W. Wundt. I. Zur Geschichte der Classiflcationsversuche. Wenn der Werth eines Werkes nicht nach den Ansprüchen, die es erhebt, sondern nach der Wahrheit und Fruchtbarkeit seiner Gedanken geschätzt werden muss, so wird kein Einsichtiger zweifeln, dass nicht das »Novum organon« sondern die Schrift »De dignitate et augmentis scientiarum« das bedeutendste unter den Werken Bacon’s genannt werden muss. Nur Philosophen, die mit den wirklichen Methoden der Naturforschung und ihrer geschichtlichen Entwicklung nicht bekannt sind, oder Naturforscher, die Bacon niemals gelesen haben, können heute noch an die Fabel glauben, dass Bacon der Schöpfer der naturwissenschaftlichen Methode sei. Dass das neue Organon neben vielem Unrichtigen auch einige rich¬ tige Gedanken enthält, wird ja niemand bestreiten. Mit seiner Bekämpfung der aristotelischen Syllogistik und mit seinem ener¬ gischen Hinweis auf Erfahrung und Experiment gibt es dem in der wissenschaftlichen Arbeit der großen Naturforscher der gleichen Zeit herrschenden Geiste einen beredten Ausdruck. Aber nicht minder gewiss ist es, dass die von Bacon gelehrte Methode im ganzen genommen völlig verfehlt ist, und dass sie in der wirklichen For¬ schung weder jemals befolgt wurde, noch befolgt werden kann. In der That hat über diesen Punkt bei den Naturforschern, die mit Bacon’s Werk sich beschäftigt, von William Harvey an bis auf Justus Liebig, niemals ein Zweifel obgewaltet. Wenn dasselbe überhaupt einen Einfluss auf die Folgezeit ausübte, so war es nicht Wandt, PMlos. Stadien. V. \ 1