Kant’s kosmologische Antinomien und das Problem der Unendlichkeit. Von W. Wundt. 1. Die Formulirung der Antinomien. Anhänger wie Gegner der Kantischen Philosophie sind zumeist darin einig gewesen, in den »kosmologischen Antinomien« Meister¬ stücke dialektischen Scharfsinns anzuerkennen. Dennoch sind höch¬ stens von einigen Kantianern strengster Observanz sowohl die For- mulirungen wie die Lösungen der Antinomien für völlig einwurfsfrei gehalten worden. Dass insbesondere die Formulirungen derselben unter dem gezwungenen Schematismus der Kategorien zu leiden hat¬ ten, wird Niemand bestreiten, dem nicht selbst dieser Schematismus als ein Universalmittel für die Lösung aller möglichen erkenntniss- theoretischen Probleme gilt. Der Kritik Schopenhauer’s1) wird man hier in allen wesentlichen Punkten beitreten können, auch wenn man nicht mit ihm den ganzen Streit für eine »bloße Spiegelfechterei« hält. Auf diesem lediglich negirenden Standpunkte wurde selbstver¬ ständlich jede Untersuchung darüber, oh und wie etwa die Mängel der Kantischen Darstellung zu verbessern seien, gegenstandslos. Wer dagegen dem von Kant behaupteten Conflict der Vernunft mit sich seihst irgendeine Berechtigung, wenn auch vielleicht in anderem Sinne als Kant seihst, zugesteht, der wird nicht umhin können, sich dieFrage vorzulegen, welche Gestalt den Antinomien am zweckmäßigsten zu gehen ist, wenn man nicht durch einen von außen an sie herange- 1) Kritik der Kantischen Philosophie, Werke Bd. II. S. 583 ff. Wundt, Philos. Studien. II. 33