[Psychologie und Nervenheilkunde. 193 baren psychophysischen Wechselwirkung, oder eines erkenntniss- theoretischen Monismus im Sinne Wundt’s entschieden werden — an der schlichten Thatsache jenes Zusammenhanges ist nicht zu rütteln, und wenn wir sie in dem Functionsgleichniss zum Ausdruck bringen, so kann keine der umstrittenen philosophischen Meinungen sich begünstigt, keine sich zurückgesetzt fühlen. Allerdings braucht diesem negativen Vorzug noch kein positiver, der Unanstößigkeit des Functionsbegriffes noch nicht seine Frucht¬ barkeit für das pathologische Forschen zu entsprechen. In der That begegnet seine Anwendung gerade innerhalb des neuropathologischen Gedankenkreises nicht unerhehlichen Schwierigkeiten. Sie müssen dem Nervenarzt sich um so stärker auf drängen, je entschiedener seine Wissenschaft neuerdings auf ihrem Entwicklungspfade in den Bereich jenes Schlagschattens geräth, den die Psychiatrie auf das medicinische Denken wirft. Nach der Seite der inneren Medicin hin sind ja die Beziehungen der Nervenheilkunde dauernde und durchaus erfreuliche geblieben. Zwar hat es durchaus nicht an Streitfragen gefehlt, welche die Erkrankungen des Rückenmarks, des Gehirns, auch des peripheren Nervensystems aufwirbelten; aber seihst so verwickelte, so tief ins Psychische hineinreichende Störungen, wie die Ataxie, die Aphasie, die Individualisirung apoplektischer Lähmungen — um nur drei herauszugreifen — sind von Klinikern, die das Riesengehiet der gesammten inneren Medicin zu verwerthen hatten, in durchaus muster¬ gültiger Analyse der einzelnen Erscheinung, in vielfach geistreicher und doch meist wohlüberlegter, kühler Interpretation unserem Ver- ständniss um ein gutes Stück näher gerückt worden. Desto schlim¬ mere Verwirrung aber ist auf der anderen Seite eingerissen, wo die Nervenheilkunde der Wissenschaft von den Geistesstörungen die Hand reicht. Lange genug hatte die theologische Auffassung des Irreseins die Verbindung der Psychiatrie mit der übrigen Medicin verhindert. Als dann dieses Vorurtheil gebrochen war, und man in der Dementia paralytica sogleich ein klassisches Krankheitsbild vor sich hatte, das schwere nervöse mit schweren psychischen Symptomen vereinigte, da wurde das wissenschaftliche Zusammenarbeiten beider Disciplinen einfach zur Thatsache, zur Nothwendigkeit. Die endgültige Ver¬ wischung der Grenzen knüpft sich freilich erst an die Namen Charcot und Beard. Mit dem umfassenden Studium der Hysterie, der Wundt, Philos. Studien. XIX. 13