626 Paul Linke. Gewiss mit Recht: er hat zum ersten Male in einer für die ganze nachfolgende Psychologie entscheidenden Weise auf die Wichtigkeit des Associationsmechanismus hingewiesen, die Alleingültigkeit des Associationsprincipes hingegen hat er niemals behauptet, er hat also die bedenkliche Einseitigkeit der späteren Associationspsychologie vermieden. Es ist ja freilich naheliegend genug, die Einseitigkeiten und Fehler, zu denen eine bestimmte wissenschaftliche Richtung ge¬ führt hat, ihrem Begründer zuzurechnen, und in der Geschichte der Wissenschaften begegnen wir diesem Verfahren nicht eben selten. Man braucht ja nur an jene Disciplin zu denken, die um eben jene Zeit und in demselben Lande aufzublühen begann, an die National - öconomie. Adam Smith war im Grunde ebenso wenig einseitiger Theoretiker des Freihandels, als Hume einseitiger Associationspsycho¬ loge war, so sehr auch der Tadel der späteren Forschung gerade mit dem Namen dieser beiden Männer sich verknüpft hat. — Man nennt die Nationalöconomie jener Zeit die classische, in dem Sinne offenbar, als durch sie jener Wissenschaft eine Grundlage geschaffen wurde, die auch heute noch als Grundlage anerkannt wird : ob man in einem solchen Sinne auch von einer classischen Erkenntnisstheorie reden könnte? Ich denke: ja; als ihr Begründer hätte dann aller¬ dings nicht Hume, sondern selbstverständlich Locke zu gelten. Und Locke interessirt uns hier noch in besonderem Maße. Denn man kann wohl ohne Uebertreibung sagen: Hume’s Arbeiten sind im Grunde alle unmittelbar durch diejenigen Locke’s eingeleitet, so dass Alexius Meinong mit Recht bemerkt, manche Oapitel in Hume’s Treatise nähmen sich wie ein Excurs zu Locke’s Abhandlung aus. Und das gilt in erster Linie von dem Problem, das uns hier zunächst beschäftigen soll und um das sich dann alles übrige gruppiren wird. Es mag kurz so formulirt sein: Welche psychologischen Voraus¬ setzungen müssen gemacht werden, um das »Wissen« relativ von den Thatsachen der Einzelerfahrung und deren Mängeln zu eliminiren? Käme es mir darauf an, ein oft gebrauchtes und deshalb abgeblasstes Schlagwort anzuwenden, so könnte ich wohl auch von den a priori vorhandenen Bewusstseinsinhalten reden, durch die die Allgemein- gültigkeit und Sicherheit des Wissens verbürgt wird. Wie angedeutet, soll dieses Problem historisch verfolgt werden, es soll dies aber — und darin liegt eine wesentliche Einschränkung