Die Entstehung der ersten Wortbedeutungen beim Kinde. 175 ganzes Leben auf der Stufe der Wahrnehmung stehen, die keinerlei Eigenschaften der Objecte analysirt, obgleich sie mit den Gesammt- dingen ihrer Umgebung sehr wohl bekannt sind1). In Folge der Schwäche der kindlichen Aufmerksamkeit und der mindestens ebenso großen Schwäche des Gedächtnisses ist auch eine Abstraction, d. h. eine Ablösung von »Merkmalen«, richtiger gesagt: von Theilwahr- nehmungen aus ihrem Wahrnehmungszusammenhang ganz unmöglich. Ich werde später zeigen, dass noch aus andern Gründen von einer Abstraction für den kindlichen Geist in der Zeit der ersten Sprach- anfänge gar nicht die Rede sein kann. Der ganze Vorgang, den Sigismund beschreibt, ist daher wahrscheinlich so zu denken, dass die Wahrnehmung des ausgestopften Vogels, den der Vater dem Kind zeigt, weil sie objectiv und facti sch der des auf dem Ofen stehenden Vogels ähnlich ist (eine Aehnlichkeit, die aber nicht als solche aufgefasst zu werden braucht!), die mit diesem bekannten Anblick associirten aufsuchenden Bewegungen auslöst, wobei die Wahr¬ nehmung des bekannten Zimmers in secundärer Weise zur Auf¬ findung des richtigen Ortes mithelfen mag. Ob das Aussprechen des Wortes »Vogel« überhaupt für den Hergang etwas zu bedeuten hat, ist sehr zweifelhaft. Höchstens kann es in secundärer Weise als auslösender akustischer Reiz in Betracht kommen, wenn das Kind dieses Wort etwa beim Anblick der Eule öfter vernommen hatte. Für diese rein factische Wirkung der objectiv übereinstimmenden Bestandtheile der Wahrnehmungsobjecte (Auerhahn und Eule) ver¬ weise ich auf die allgemein bekannte Thatsache, dass ähnliche Reize ähnliche reproducirende Wirkungen haben, auch wenn die Aehnlich¬ keit subjectiv nicht erkannt wird. Wenn zwei ähnliche Wahrneh- mungscomplexe (Reize) factisch theilweise übereinstimmen, so müssen, ganz unbekümmert darum, ob diese Aehnlichkeit erkannt wird oder nicht, ähnliche psychophysische Wirkungen eintreten. Will man mit Rücksicht auf das nachweislich sehr frühe Eintreten des Wieder- erkennens annehmen, dass der Anblick des Auerhahns Wiedererken¬ nungsvorgänge auslöst, welche mit als Vermittler der auf suchenden Bewegungen ein wirken, so steht dem nichts im Wege, auf keinen 1) Vgl. Störring, Vorlesungen über Psychopathologie S. 380 ff. Auch die Kinüervocabularien der Amerikaner bestätigen diese Auffassung.