Die Entstehung der ersten Wortbedeutungen beim Kinde. 165 trennen sich also auch äußerlich die beiden bisher behandelten Perioden scharf von einander ah. Eine dritte Vorstufe (genauer würde man von einem. dritten vorbereitendem Process reden) der kindlichen Sprachentwicklung, die der Zeit nach schon während der letztem an einzelnen Punkten anhebt, ist das bloße Verstehen vorgespro chener Worte, während das Kind noch nichts spontan spricht. Es ist die Periode der »normalen Hörstummheit«1) oder des bloßen Sprachverständnisses der Kinder. / Die Kinder verstehen sehr vieles, oft (hei verspäteter Entwicklung der Sprache) nahezu alles, was die Erwachsenen in dem engen Bereich ihrer Interessen zu ihnen reden, sie sprechen aber seihst nicht/. Auf dieser zweifachen Basis: auf dem Sprach- verständniss ohne Sprechen und dem bloß lautlichen Nach¬ ahmen vorgesprochener Worte erhebt sich meist am Anfang des 2. Lebensjahres die eigentliche Sprache. Damit beginnt die Periode, die den Gegenstand dieser besondern Abhandlung bildet: die Periode der Gewinnung der ersten gesprochenen sinnvollen Worte. Bevor ich aber zu dieser übergehen kann, muss jene zuletzt erwähnte Vorstufe der eigentlichen Sprache, die Stufe des bloßen Sprach¬ verständnisses, genauer ins Auge gefasst werden; denn die Art des Sprachverständnisses, die sich unmittelbar vor und während des Beginns des selbstthätigen Sprechens beim Kinde vorfindet, ist natür¬ lich von entscheidender Bedeutung für den Charakter der ersten Wortbedeutungen, die das Kind selbst spricht. Ich kann mich nicht entschließen, mit Erdmann die Entwicklung des Sprachverständ¬ nisses zur Entwicklung der Sprache zu rechnen und als erste Stufe der Sprachentwicklung überhaupt zu bezeichnen. Es ist doch un¬ möglich, von einer Stufe der Sprachentwicklung zu reden, wo noch keine Sprache da ist! Unzweifelhaft gehört sie sachlich und logisch zu den Vorstufen der Sprachentwicklung2). 1) Die Ausdrücke »Hörstummheit« und »hörstumm« (von Coën eingeführt, vgl. dessen Schrift: Die Hörstummheit und ihre Behandlung, 1888) sind gramma¬ tisch sehr schlechte Bildungen; richtiger wäre »hörendstumm« und »Hörend¬ stummsein«. /'t- 2) Y gl. Erdmann, a. a. O. S. 383 ff. Niemand spricht von der »Sprache« eines Taub- oder Hörstummen, obwohl beide Spräfchverständniss besitzen. Z