Die Entstehung der ersten Wortbedeutungen beim Kinde. 153 jm weitesten Sinne des Wortes — Rückschlüsse machen auf den geistigen Inhalt, den es äußern will, und wir können für unsere Deutung dieser Aeußerungen höchstens eine gewisse objective Veri¬ fication erlangen durch die Art und Weise, wie das Kind seine Worte und bezeichnenden Gebärden verwendet, um uns von Will- kiirlichkeiten in der Interpretation seiner Sprachanfänge frei zu machen. Es kommt hinzu, dass die allgemeine geistig-körperliche Unreife des Kindes in dieser Periode (es handelt sich im Durchschnitt um die Wende des ersten Lebensjahres und das zweite Jahr) die Deutung seines geistig-körperlichen Lehens erschwert. Es ist daher kein Wunder, dass gerade an diesem Punkt der Erforschung der Kinder¬ sprache die Meinungen der Beobachter am weitesten auseinander¬ gehen und dass die verschiedenen philosophischen und sprachwissen¬ schaftlichen Standpunkte hier einen gewissen Einfluss auf die Deutung der Kindersprache und ihrer Entwicklung gewinnen. So kümmerlich auch die Erforschung der Kindersprache im ganzen noch ist, so können wir doch schon behaupten, dass die Lösung des Problems, wie die ersten Wortbedeutungen des Bandes entstehen, eine Geschichte hat. Die ersten deutschen Erforscher der Kinder¬ sprache, insbesondere Sigismund, Lindner und Preyer glaubten aus der Art und Weise, wie das Kind seine ersten Worte verwendet, schließen zu müssen, dass sie wesentlich den Charakter von Begriffen tragen, die durch eine hohe, ja unter Umständen wahrhaft kühne Abstraction auf Grund eines leichten Herausfindens der Aehnlichkeit von Wahrnehmungs-Umständen gewonnen seien, und mit weitestem Umfang verwendet würden. Das Kind sollte nach dieser Auffassung im Besitz aller logischen Functionen sein, längst ehe die Sprache beginnt. Eine ähnliche Ansicht vertraten die ersten französischen Forscher, insbesondere Perez, Oompayré und Taine. Der sehr unkritische und in Deutschland überschätzte Compayré argumentirt einfach so: »In der Entwicklung des Urtheilens und Schließens gibt es zwei deutlich unterscheidbare Perioden«, nämüch eine vorsprach¬ liche und eine, die sich unter dem Einfluss der Sprache gestaltet1) u- s. w. Compayré setzt also einfach voraus, dass vor dem Beginn des Sprechens Urtheile gefällt und Schlüsse gezogen werden. Die 1) Compayré S. 25. — Alle Titel der von mir benutzten Werke sind am Schlüsse aufgeführt.