29] Ziele und Wege der Schallanalyse. 93 achtenden Grundarten noch nicht erschöpft ist. Denn es gibt nicht drei bis vier, sondern sechs verschiedene Grundtypen, und diese sind z. B. im Deutschen so verteilt, daß in Dichtung und Musik der Löwenanteil sicherlich auf die Typen IV, V und VI entfällt, während die Typen I, II, III, mit denen Rutz allein arbeitete, dagegen so stark zurücktreten, daß man oft lange nach Belegen für sie suchen muß.1 So kann man sich denn schließlich nicht wundern, wenn die Rutzschen Stimmtaxen im einzelnen nur zufällig einmal hier und da das Richtige treffen, also auch nur zufällig einmal praktisch zu verwerten sind, trotz des theoretisch richtigen Ausgangspunktes der Rutzschen Untersuchung. Diesen Ausgangspunkt lieferte Joseph Rutz die Fundamental¬ beobachtung, daß die verschiedenen Arten der Stimmgebung, die der Praktiker unterscheiden muß, nur dann richtig und leicht her¬ gestellt werden können, wenn neben dem eigentlichen Stimm- und Atemapparat auch noch gewüsse andere Teile des menschlichen Muskelsystems gleichzeitig in Anspruch ge¬ nommen werden. Wir können das nach unserer Weise jetzt so aus- drücken: Stimmart und spezifische Muskeltätigkeit (Muskelspannung) außerhalb des Stimmorgans, oder kürzer gesagt, Stimmart und Körpereinstellung sind psy¬ chisch-physiologisch zu einem unauflösbaren Kom¬ plex ve rj oc h t, derart, daß das eine auch das andere mitbedingt. Es gibt vor allem — und damit lenken wir wieder in unsere alte Betrachtungsweise ein — keine freie Stimmgebung spezi¬ fischer Art ohne gleichzeitige Mitwirkung dessen, was wir «Körpereinstellung» nennen. Man kann sich von der Richtigkeit dieses Satzes im groben leicht überzeugen, wenn man z. B. beobachtet, welchen Einfluß schon ver¬ schiedene Handstellungen (nicht Hand be weg u n ge n!) auf die Stimmgebung haben. Denn man wird da wieder finden (vgl. oben S. 71), daß die eine Stellung wohl zu éinem Text paßt, aber nicht zu einem andern, bei dessen Vortrag sie wieder die uns be¬ kannten Hemmungen hervorruft. So gehen z. B. folgende Hand¬ stellungen bei Wahl eines geeigneten Gestenpunktes ziemlich gut2 mit folgenden Stellen aus Goethe zusammen: 1 Anderwärts, z. B. im Norwegisch-Isländischen und Dänischen, liegen die Verhältnisse z. T. anders, insofern da der Typus III auffällig stark verbreitet ist. 2 Wenn auch noch nicht vollständig gut: denn es ist. ja bei dieser Ver¬ suchsreihe absichtlich die Bewegung der Hände ausgeschaltet, die auch ein sehr wesentliches Ingrediens der Freieinstellung ist.