92 Eduard Sievers. Hier den ersten bahnbrechenden Schritt getan zu haben, ist das unvergängliche Verdienst des im Jahre 1895 in Mönchen verstorbenen, damals bayrischen Zollinspektors Joseph Rutz. Die Erkenntnisse dieses Mannes haben ein eigentümliches Schick¬ sal gehabt: Er hat sie selbst nicht mehr veröffentlichen können, sondern sie seiner noch jetzt in München lebenden Gattin, Frau Klara Rutz, überliefert, und diese hat sie wiederum auf ihren Sohn, Rechtsanwalt Dr. Ottmar Rutz in München, übertragen, der denn nun seit einer geraumen Reihe von Jahren (besonders seit 1908) eine überaus rührige Propaganda für die Lehren seines Vaters be¬ treibt, die er dann — bis zu welchem Grade, läßt sich natürlich nicht feststellen — durch allerlei Eigenes erweitert und umgebildet hat. Er hat damit an einigen Stellen, so z. B. auch bei mir, an¬ fangs eine sehr starke Wirkung erzielt. Aber, je mehr ich der Sache in die Einzelheiten hinein nachging, um so mehr häuften sich mir die Bedenken gegen die uneingeschränkte Richtigkeit des Systems und gegen seine praktische Verwendbarkeit. Auch ich bin so, ganz langsam und schrittweise, an der Hand zunehmender persönlicher Erfahrung dazu gekommen, mich von dem Rutzschen System als einem unteilbaren Ganzen loszusagen, obwohl ich dessen letzten Grundgedanken (bzw. Grundbeobachtungen) nach wie vor die aller¬ höchste Schätzung entgegenbringe. Sie werden fragen, wie das möglich sei? Meine Antwort darauf lautet: Joseph Rutz hat zu früh, d. h. ehe er noch zu vollkommen fertigen Resultaten gekommen war, den Weg der unbefangenen Be¬ obachtung von Tatsachen verlassen, um sich auf das Gebiet des Theoretisch-Spekulativen zu begeben. Er hatte seinerzeit vier ver¬ schiedene Haupttypen menschlicher Stimmbildung beobachtet, und diese setzte er (willkürlich!) in einen bestimmten Zusammen¬ hang mit der altüberlieferten Lehre von den vier Temperamenten. Wie nun der einzelne Mensch nur éin Temperament habe, so soll er, nach Rutz, konsequenterweise auch nur über eine seinem Tempe¬ rament innerlich verwandte Stimmart verfügen. Und das entspricht eben den zu beobachtenden Tatsachen nicht, und zwar um so weniger, als mit den von Rutz angenommenen vier Grundarten der Stimme (von denen er die vierte überdies noch als für alle Kunstübung unbrauchbar ausschloß, so daß ihm für diese nur drei Hauptarten übrig blieben), es entspricht den Tatsachen, sage ich, um so weniger, als mit diesen drei bis vier Grundarten Rutzens, wie sich mir später herausstellte, die Zahl der tatsächlich zu beob-