Ziele und Wege der Schallanalyse. 91 27 Darüber war die alte Meinung nun die, daß man die bei der Klanggebung speziell beteiligten Organe besonders «üben» müsse, also der Sänger oder Sprecher seinen Stimmapparat (einschließlich der Atmungsorgane), der Klavier- oder Geigenspieler seine Arm- und Handmuskulatur, und dergleichen mehr. Und un¬ zweifelhaft ist daran viel Wahres. Aber ebenso unzweifelhaft reicht jene alte Lehrmeinung nicht aus, um den Ausübenden in jedem Fall zur denkbar höchsten Leistung zu bringen. Bleiben wir nur einmal etwa beim Sänger stehen, so wird man, mit Benutzung unseres alten Kriteriums von Frei und Unfrei (S. 70), wohl ohne Übertreibung sagen dürfen, daß oft auch ganz hervorragende Künstler nicht im¬ stande sind, gewisse Sachen, die ihnen, wie man sagt, «nicht liegen», mit vollkommen freier Stimme zu singen, auch wenn sie Becking- und Taktfüllkurve richtig einhalten. Ja, ich glaube nach ziemlich umfangreichen Beobachtungen nicht irre zu gehen, wenn ich meine, daß vielleicht die große Mehrzahl der ausübenden Künstler höchstens eine unvollkommene Vorstellung davon hat, was ein physiologisch wirklich «freier» Ton sei. Und diese Sachlage gibt zu denken, denn sie weist uns offenbar wieder aus dem Gebiet des rein Ästhetischen hinüber auf das Gebiet des Physiologischen und seiner psychischen Grundlagen, denn Freiheit und Gehemmtheit sind in erster Linie psychisch-physiologische und nicht ästhetische Gegensätze, wenn wir auch gern zugeben, daß Unfreies auch in ästhetischer Beziehung schlechter würkt als Freigebildetes. Und wenn man weiter daran denkt, über welche schier unglaubliche Technik unsere ausübenden Künstler oft verfügen, ohne deshalb je zu völlig freier Klangbildung zu gelangen, so wird man, scheint mir, notgedrungen wieder zu dem Schluß geführt, daß es neben der Spezialtechnik des bloßen Stimmorgans (einschließlich der Atemtechnik) für den Sprecher und Sänger, neben der Spezialtechnik in Anschlag, Strichusw. für den Spieler noch ein weiteres Element der Klang¬ erzeugung geben müsse, das die bisherige technische Praxis noch nicht genügend erkannt und daher auch nicht genügend zu ver¬ werten gelernt hat, und dieses X muß nach dem Angedeuteten denn doch wohl auch wieder auf dem Gebiet des Psychisch- Physiologischen gesucht werden. Wo aber ist es dann zu finden, und welche Mittel und Wege gibt es, die uns auch zur praktischen Verwendbarkeit führen, wenn es einmal gefunden ist, ganz abgesehen von dem rein theoretischen Wert, den die etwa zu gewinnende neue Erkenntnis für den Forscher als solchen hat?