90 Eduard Sievers. 126 ein recht gutes und charakteristisches Beispiel (auch für Tonmalerei). Vgl. dazu die Kurven am Schluß der Tabelle (jede Kurve entspricht einer Textzeile). Takt mäßige Gliederung ist das einzige Merkmal, welches die Poesie eindeutig von der Prosa abhebt. Taktfüllkurven er scheinen daher auch nur in Musik und Poesie, d. h. verifizierter Rede. Dagegen zieht sich nun, wenn auch in verschiedener Weise, gleich der Beckingkurve wiederum durch alle menschliche Rede (also einerlei, ob Poesie oder Prosa) die dritte Art von Kurven hindurch, die noch zu erörtern ist. Das sind die Kurven, in denen die unten näher zu besprechenden «optischen Signale» zu be¬ wegen sind, mit deren Hilfe man den Sprechenden auf bestimmte Klangarten einstellen kann. Nach diesem äußerlichen Zusammen¬ hang mit der Handhabung der Signale mögen unsere Kurven einst¬ weilen einfach als «Signalkurven» bezeichnet werden. Über sie läßt sich aber nur im Zusammenhang mit der ganzen Qualitätsfrage handeln, für deren Erörterung der zweite Teil unserer Betrachtungen bestimmt ist. II. Es ist eine altbekannte Tatsache, daß man sehr oft z. B. ver¬ schiedene Gedichte selbst eines und desselben Autors nicht mit der gleichen Art von Stimme sprechen kann, wenn man nicht offen¬ sichtlich gegen Sinn und Stimmung verstoßen will. So verträgt z. B. Walter Teils Schützenliedchen Mit dem Pfeil, dem Bogen Durch Gebirg und Tal Kommt der Schütz gezogen Früh am Morgenstrahl nur eine weich und hell klingende Stimme, im Gegensatz zu der dunkleren und rauheren Stimme, die wir etwa brauchen für Will sich Hektor ewig von mir wenden, Wo Achill mit den unnahbarn Händen Dem Patroklus schrecklich Opfer bringt f Ebenso ist es jedem Musiker bekannt, daß man nicht alles mit gleichem Stimmansatz singen, mit gleicher Anschlags- oder Streich¬ art usw. spielen kann. Es fragt sich nur, auf welche Weise die erforderliche Verschiedenheit der Klanggebung zweckmäßig oder über¬ haupt hergestellt werden kann.