Ziele und Wege der Schallanalyse. 89 25] der Art, wie sie etwa in Fig. 71—79 in einer minimalen Auswahl für den Vierertakt veranschaulicht sind. Und das führt zu der letzten Hauptbemerkung hinüber, die hier zu machen ist. Es ist nämlich ein wohlbekanntes Gesetz der Psychologie, daß der Mensch unwillkürlich nach Abwechselung strebt, da, wo er Handlung an Handlung stößt, hier also z. B. da, wo er Taktteil an Taktteil, Takt an Takt, Takt gruppe an Taktgruppe reiht. So ist es auch schon in der Musik verhältnismäßig selten, daß ein und dieselbe einfache Taktfüllungsart gleichmäßig durch ein größeres Ge¬ bilde (z. B. durch ein ganzes Lied) durchgeführt wird: meist wird auch da irgendwie differenziert, und das gleiche gilt auch vom Sprechvers. Unser altes Beispiel Als ich noch ein Knabe war ge¬ hört, um nur eines herauszugreifen, sicherlich dem Typus des nicht- graden (auch nicht kreisenden) falltonigen 4/4-Taktes an. Aber wir bekämen sofort Hemmungen, wenn wir, sei es die schematische Grundform des fallend-bogenden (Fig. 22), sei es die des fallend¬ schleifenden Taktes (also Fig. 28), einfach durchführen wollten: wir müssen vielmehr für die erste, dritte und fünfte Strophe zu schleifend- bogend-falltonigem Takt differenzieren (Fig. 84) und in Strophe 2, 4 und 6 (also in geregeltem Wechsel) konkav beginnenden schleif- tonigen Takt nach dem Schema von Fig. 85 eintreten lassen: in beiden Fällen verkleinert sich überdies das Kurvenmaß nach dem Schluß der einzelnen Verszeilen hin. So ähnlich geht es nun in Musik wie in Sprechdichtung in tausendfachem Wechsel weiter, da ja überall die Gegensätze von Grad, Bogend, Kreisend und Schleifend, von Steigend und Fallend, von Normal und Umgelegt in die Variation miteinbezogen werden können, neben Form, Größe, Lage und Dyna¬ mik der Begleitkurve. In Goethe erreicht diese Variabilität der Taktfüllung ihren Höhepunkt: sein Reichtum an immer neuen und neuen Formen ist fast unerschöpflich. Auch Schiller ist reichhaltig genug an Wechselformen, wie überhaupt die ältere deutsche Dichtung von der klassischen Zeit an. Die deutsche Dichtung der paar letzten Jahrzehnte ist dagegen im allgemeinen wieder zu wesentlich starreren und einfacheren Formen der Taktfüllung zurückgekehrt. Die anderen modernen Literaturen scheinen in dieser Beziehung stark zu schwanken. Als Besonderheit mag noch im Vorbeigehen bemerkt werden, daß die 'Freiheit5 der sog. «freien Rhythmen» in erster Linie darin besteht, daß die Taktfüllungsart beliebig (also nicht nach irgend¬ einem System) innerhalb der Zeile wie von Zeile zu Zeile wechseln kann. Heines «Nacht am Strande» (aus der «Nordsee») gibt dafür