355 es eben von dieser Kunst dargestellt werden kann und dargestellt worden ist. # * Es ist in der That meine Überzeugung, dass es in der Natur nichts giebt, was an und für sich, seiner Form oder seinem Inhalt nach schön wäre, sondern dass alles erst von dem Moment an schön wird, wo die Kunst sich seiner bemächtigt, es mit dem Reiz der Illusion darstellt. Natürlich gehören dazu gewisse ob¬ jektive Eigenschaften der Natur. Aber diese beziehen sich ledig¬ lich auf ihr Verhältnis zu den Darstellungsmitteln der Kunst. Es sind keine absoluten, sondern Verhältniseigenschaften. Die Schön¬ heit ist also nichts, was dem Naturobjekt als solchem anhaftet, sondern etwas, was der Mensch erst von sich aus zu ihm hinzu- thut, indem er die Natur künstlerisch darstellt. Wenn dasjenige Kunstwerk am schönsten ist, das die stärkste Illusionskraft in sich birgt, so ist dasjenige Naturobjekt das schönste, das die Vorstellung der Kunst am stärksten erweckt, d. h. seiner Form nach am leichtesten in Kunst umgesetzt werden kann. Wenn nun diese Art Naturschönheit nichts anderes als eine verkappte Kunstschönheit ist, so geht daraus hervor, dass das Naturschöne ebenso wechseln muss wie das Kunstschöne. Denn die Möglichkeit die Natur so zu geniessen, beruht ja wie wir gesehen haben auf dem Vorhandensein einer gewissen künstleri¬ schen Apperzeptionsmasse. Diese wird aber natürlich be¬ stimmt durch die in der betreffenden Zeit herr¬ schende Kunst. Und damit kommen wir auf die Konven¬ tion als dasjenige, wodurch das Urteil über die Naturschönheit wesentlich bestimmt wird. Wir haben gesehen, dass man beim freien Stellen lebender Bilder unwillkürlich konventionelle Kompositionsmotive wählt, weil diese den Beschauer am meisten an Kunst, an künstlerisches Zu¬ sammenstellen der Figuren erinnern. Ebenso wird auch der Natur gegenüber die umgekehrte Illusion bei den meisten Menschen dann am leichtesten zu stände kommen, wenn sie irgend einem konven¬ tionellen Kunstideal entspricht. Ich setze dabei voraus, dass die Anschauenden Laien sind, die der Natur gegenüber nicht die selb¬ ständige schöpferische Kraft des Künstlers haben. Ein Laie wird die Natur, wenn er sie ästhetisch beurteilt, immer mit einer in seiner Zeit herrschenden, d. h. schon bis zu einem gewissen Grade konventionell gewordenen Kunstrichtung vergleichen. Er wird z. B. eine Aussicht schön finden, die in die Kunst übersetzt ohne 23*