354 stimmte Richtung des Geistes dazu, wenn er dabei von allen sinn¬ lichen Nebenbeziehungen absehen soll. Ein Kunstwerk dagegen kann man gar nicht anders als in uninteressierter Weise an¬ schauen, weil es gar nicht sinnlich genossen werden kann. So¬ bald sich der Mensch überhaupt entschliesst, die Natur im Bilde darzustellen, sind auch die Bedingungen für die uninteressierte Be¬ trachtung dieser Darstellung gegeben. Da er nun schon auf der primitiven Stufe seiner Entwickelung die Kunst kennt, aber erst auf höherer Kulturstufe die uninteressierte Anschauung der Natur ausgebildet hat, so ist es klar, dass er früher zur uninteressierten Anschauung der Kunst gekommen sein muss als zu der der Natur. So seltsam es auch klingen mag, da ja die Natur das Primäre, die Kunst das Sekundäre ist, es kann doch kein Zweifel bestehen, dass diese ganze Art der Anschauung sich zuerst der Kunst gegenüber ausgebildet hat und erst von dieser auf die Natur übertragen worden ist. Die ästhetische Anschauung der Natur ist also im Grunde nichts anderes als Kunstanschauung. Was dabei den Genuss ausmacht, ist gar nicht die Natur, sondern die Kunst, an die man dabei denkt. Oder besser gesagt, es ist weder die Kunst noch die Natur allein, sondern das Verhältnis beider zu einander, das Hin- undheroszillieren des Bewusstseins zwischen beiden. So gewinnt also die Illusionsästhetik, nachdem sie zuerst den Naturgenuss vom Kunstgenuss prinzipiell getrennt hat, doch wieder, indem sie alles Nichtästhetische aus dem Naturgenuss eliminiert, die Möglichkeit, den letzteren mit dem erster en unter einen Ge¬ sichtspunkt zu bringen — die letzte und wie ich glaube über¬ zeugendste Probe auf die Richtigkeit der Illusionstheorie. Wir haben uns eben gewöhnt, vom Naturgenuss nur das als ästhetisch zu bezeichnen, was mit dem Kunstgenuss — sowohl in negativer als auch in positiver Beziehung — übereinstimmt. Im Grunde ist also die Naturschönheit gar nichts anderes als Kunstschönheit, gewissermassen eine umgedrehte Kunstschönheit. Denn die Natur ist in diesem Sinne nur schön mit Beziehung auf die Kunst, ihre Schönheit also nur eine besondere Art von Kunstschönheit, eine besonders gewendete Kunstschönheit. Und ebenso wie das Kunstschöne nichts ein für allemal Feststehendes ist, sondern das was unter Voraussetzung einer bestimmten psy¬ chischen Disposition Illusion erzeugt, ebenso ist auch das Natur¬ schöne nichts ein für allemal Feststehendes, sondern etwas, was in Bezug auf die Kunst, auf eine bestimmte Kunst schön ist, weil