353 lung der Arten einreiht, sie alle gemessen, soweit sie dies thun, die Natur nicht ästhetisch. Natürlich können sie sie ausserdem auch ästhetisch gemessen, jedenfalls werden sie in den meisten Fällen auch sinnlichen Genuss an ihr haben. Aber häufig sind sie dazu gar nicht im stände, und jedenfalls steht das auf einem anderen Blatte. Ihr Hauptgenuss bei dieser Thätigkeit ist ein • • intellektueller, die Ästhetik hat alles Interesse daran, das scharf zu be¬ tonen und diesen Genuss von dem ästhetischen streng zu scheiden. Eine niedere Form dieses intellektuellen Genusses ist die Freude, die Kinder den Dingen der Natur, besonders den Tieren entgegenbringen. Auch dies ist kein ästhetischer Genuss, sondern ein intellektueller, der aus der Befriedigung der Neugier oder Wiss¬ begier erwächst. Die Freude am Neuen, Unbekannten, Interessan¬ ten ist an sich nicht ästhetisch. Durch den Nachweis, dass der ästhetische Genuss an der Natur ein Vorrecht künstlerisch gebildeter Menschen ist, verliert die Kompliziertheit und wenn man will Unnatürlichkeit der umgekehr¬ ten Illusion sehr viel von ihrem auffallenden Charakter. Vielmehr versteht sich jetzt ganz von selbst, dass sie sich nur da entwickeln kann, wo Kulturmenschen leben, die eine ausgedehnte künst- • • lerische Anschauung besitzen. Und das Wichtige für die Ästhetik ist dabei das, dass hierdurch doch wieder die Naturschönheit und die Kunstschönheit einander genähert, unter einen Hut gebracht werden. Denn das ist ja überhaupt klar, dass der Ausscheidungs- # • _ prozess, den wir und schon frühere Ästhetiker mit den Reizen der Natur vorgenommen haben, gar keinen anderen Zweck hat als den, aus dem Naturgenuss dasjenige Element herauszuschälen, das dem Kunstgenuss am meisten ähnlich ist. Die Uninteressiert¬ heit, die Loslösung von sinnlichen und praktischen Interessen, das sind ja thatsächlich dieselben Bedingungen, die auch beim Kunst¬ genuss Gültigkeit haben. Und es fragt sich in der That, ob wir uns nicht gewöhnt haben, diejenige Betrachtung der Natur als ästhetisch zu bezeichnen, die dem Kunstgenuss zunächst in nega¬ tiver Beziehung, d. h. in der Ausscheidung der erwähnten Inter¬ essen, am nächsten steht. Jedenfalls ist es einleuchtend, dass diese uninteressierte An¬ schauung ursprünglich eigentlich nur auf die Betrachtung von Kunstwerken passt. Der gewöhnliche Mensch schaut die Natur nicht mit ästhetischer oder sinnlicher Uninteressiertheit an. Es ge¬ hört schon eine gewisse Abstraktion, eine Art Selbstzucht, eine be¬ it' 23