351 Tieres schon deshalb nicht ausmachen, weil sie ja bei allen Tieren verschieden sind, weil es in dieser Beziehung unend¬ lich viel Varianten giebt, die niemals unter einen Hut gebracht werden können. Man denke z. B. an die Proportionen. Der Schwan, die Gans, die Ente haben ganz verschiedene Propor¬ tionen. Warum sollen gerade die des Schwans mit dem unverhält¬ nismässig langen Halse die schönsten sein? Warum soll ein Pferd schönere Proportionen haben als ein Känguruh oder eine Giraffe? Wenn das Känguruh oder die Giraffe in unserer Anschauung, in unserem täglichen Leben, in der Poesie, der Plastik u. s. w. die¬ selbe Rolle spielte, wie das Pferd, so würden wir ihre Proportionen ohne Zweifel ebenso schön finden wie die des Pferdes. Für den Eskimo ist das Walross ethisch und künstlerisch der König der Tiere. Hiob 41 preist den Leviathan, d. h. das Krokodil als „gross, mächtig und wohl geschaffen“, als König über alle Stolzen. Wenn in der Kunst nur diejenigen Formen und Farben schön sind, die etwas bedeuten, uns zu einer starken Illusion anregen, so versagt dieser Gesichtspunkt beim Tier völlig. Denn hier be¬ deutet jede Form und Farbe etwas, insofern sie für das Tier, an dem sie sich befindet, charakteristisch ist. Eine allgemeine Schön¬ heit aber, die über diese spezielle charakteristische Schönheit hinausginge, giebt es nicht. So sollte man z. B. denken, die Schlange sei besonders schön, weil die Schlangenlinie sinnlich angenehm ist, insofern sie sich leicht mit den Augen verfolgen lässt. Aber gerade das ist nicht der Fall, die Schlange gilt den meisten Men¬ schen gar nicht als besonders schön. Und wenn die Schönheit in einer Zusammenstellung kräftiger gesättigter Farben, etwa im kom¬ plementären Verhältnis bestände, so müsste jeder Papagei und Schmetterling schöner sein als ein Pferd, was niemand zugeben wird. Kurz man mag sich drehen und wenden wie man will, man kommt immer wieder auf die künstlerische Anregungskraft, d. h. die umgekehrte Illusion zurück, wonach das in der Natur schön ist, was künstlerisch leicht und charakteristisch dargestellt werden kann, und deshalb unwillkürlich in die Kunst übersetzt wird, auch von jeher in der Kunst eine Verkörperung gefunden hat. Dem Einwand, dass dies doch eine komplizierte und raffinierte Naturbetrachtung sei, die man nicht bei jedermann voraussetzen dürfe, kann man leicht mit dem Hinweis darauf begegnen, dass die ästhetische Auffassung der Natur überhaupt etwas Raffiniertes und Seltenes ist, das nur bei künstlerisch veranlagten Menschen vor-