334 schränkung und Einzwängung der Natur sonst für einen Zweck haben sollte. Die Unterdrückung des Natürlichen ist doch an sich etwas sehr Unnatürliches. Der Mensch wäre niemals darauf ver¬ fallen, wenn nicht die Zweiheit der Vorstellungsreihen an sich, ganz abgesehen vom Inhalt, Lust erzeugte. Auch bei gewissen Formen des Tanzes kann man von einer Umkehrung der Illusion sprechen. Die rein sinnliche Schönheit des Serpentintanzes beruht auf den schwungvollen Linien der be¬ wegten Gewänder und dem wechselnden Spiel bunter Farben, das der elektrische Scheinwerfer auf den Körper der Tänzerin fallen lässt. Der künstlerisch Empfindende aber, besonders der, dessen Phantasie in ornamentalen Formen lebt, sieht in den bewegten bunten Gewändern ein in Bewegung gekommenes lineares Orna- • « ment. Möglicherweise kann man Ähnliches auch beim Feuerwerk annehmen, und insoweit dies der Fall sein sollte, würde auch diese Kunst zu den eigentlichen Künsten gerechnet werden müssen. Doch will ich gern zugeben, dass die Mehrzahl der Menschen bei solchen Produktionen nicht an derartiges denkt, da ihr die geistigen Vorbedindungen für diese Anschauungsweise fehlen. Sie geniesst dieselben dann eben rein sinnlich, nicht ästhetisch. Daraus erkennt man aber wiederum, dass alle Künste, die in dieser Weise aus der umgekehrten Illusion erklärt werden können, niederen Ranges sind gegenüber denen, die eine richtige Illusion erzeugen. Denn es zeigt sich eben, dass diese umge¬ kehrte Illusion doch ein abgeleiteter und komplizierter Vorgang ist, ein Reiz, der keine grosse Bedeutung für das menschliche Leben hat. Die natürliche und ursprüngliche Art der Illusion ist offenbar die, bei der die Anschauung vom Kunstwerk ausgeht und zur Natur weiterschreitet. Denn die Kunst ist ja für den Menschen ein Ersatz des Lebens, sie hat für ihn nur den Sinn, dass er sich auf Grund eines Surrogates die Natur, das Leben vor¬ stellt. Es liegt eine gewisse Kompliziertheit und Unnatürlichkeit darin, dass hier der umgekehrte Weg eingeschlagen wird, indem man sich die Natur erst malerisch oder architektonisch oder orna¬ mental zurechtstutzt, um durch sie an ein Gemälde, ein Bauwerk oder ein Ornament erinnert zu werden. Dazu gehört schon eine gewisse Raffiniertheit der ästhetischen Anschauung. Es ist dies eben einer der Fälle, wo der Reiz der Illusion selbständig geworden ist, keinen besonderen biologischen Zweck hat. Aber dass die umge¬ kehrte Illusion überhaupt existiert, ist wiederum ein schlagender