300 Natürlich ist es schwer, genau den Punkt zu bezeichnen, wo diese Übertreibung anfängt. Ein abschliessendes Urteil darüber wird erst die Zukunft fällen können. Aber dass eine Übertreibung hier ebenso wie in den anderen Fällen eingetreten ist, kann nicht bezweifelt werden. Und ebensowenig kann bezweifelt werden, dass auch diese Übertreibung sich nur aus dem Illusionsprinzip erklären lässt, näm¬ lich aus der manieristischen Forzierung der früher beschriebenen Vereinfachungen, die um der optischen Wirkung willen vorgenom¬ men werden müssen. Wenn unsere modernen Maler diese Ver¬ einfachung dem Naturalismus entgegensetzen, so ist das nur unter der Voraussetzung richtig, dass sie unter Naturalismus die peinliche Wiedergabe der Natur im Sinne van Eycks und Dürers verstehen. In gewisser Weise liesse sich dies auch wohl rechtfertigen. Denn diese Genauigkeit der Ausführung beruht ja auf dem Irrtum, dass die Malerei die Natur überhaupt genau, gewissermassen mit objek¬ tiver Exaktheit wiedergeben könne, und gerade dieser Irrtum bildet einen Teil der naturalistischen Theorie. Aber man muss dabei immer festhalten, dass auch diese ältere peinlich detaillierende Kunst die Natur thatsächlich gar nicht genau wiedergiebt, sondern abkürzt, nur in anderer weniger wirksamer Weise. Deshalb hat man aber noch kein Recht, die abkürzende spätere Weise als spezifisch dekorativ zu bezeichnen, ebensowenig wie man ein Recht hat, Dürern bei seiner detaillierenden Behand¬ lung dekorative Absichten unterzulegen. Die Absicht geht vielmehr beide Male auf Illusion. Nur sahen die Meister des 17. Jahr¬ hunderts ein, dass ihre Vorgänger auf dem falschen Wege gewesen waren, dass nicht die genaue Ausführung, sondern eine gewisse Abkürzung die Garantie für eine starke Illusion bietet. Sie em¬ pfanden offenbar die illusionsstörenden Momente der Malerei, die Flächenhaftigkeit, das Kleben der Umrisse am Grunde, die „harte, scharfe“ Manier so störend, dass es ihnen ein Bedürfnis war, durch ihre Zurückdrängung die Illusion zu steigern. Und das thaten sie durch eine Verringerung der Genauigkeit der Ausführung, die scheinbar ein Rückschritt, in Wirklichkeit aber ein Fortschritt im optischen Sinne war. Dieser Wandel scheint in der Geschichte der Malerei von typischer Bedeutung zu sein. Auch von den älteren griechischen Malern wird erzählt, dass sie ihre Bilder sehr sorgfältig ausgeführt hätten. Erst in der alexandrinischen Zeit scheint sich die Über¬ zeugung von der Notwendigkeit einer freien malerischen Technik