298 malerischer Freiheit. In den älteren Bildern haben die Figuren scharfe genaue Umrisse, glatte, fast emailartige Farbenflächen, feine mit dem spitzen Pinsel gezeichnete Haare und Blätter. Die Wirkung ist denn auch eine ängstliche, harte, flächenhafte. Es entsteht nicht die volle Raumillusion, nicht die Vorstellung einer freien lebendigen Bewegung, eines von Licht und Luft erfüllten Raumes, der die Gestalten umgiebt. Diese Illusion haben nach langem stufenweisem Fortschritt verschiedener Generationen erst die Meister des 17. Jahrhunderts erreicht. Sie haben diejenige Breite der Behandlung, diejenige Auflösung der Konturen, diejenige Unterdrückung des Details aus- gebildet, die in der Malerei notwendig ist, wenn die Illusion des Raumes, des Lichts, der Luft und der Bewegung entstehen soll. Dies ist ein absoluter Höhepunkt. Wenn man die Haarbehandlung des Velazquez mit der Dürers vergleicht, so handelt es sich bei jener durchaus nicht nur um eine verschiedene, sondern gleichzeitig um eine bessere Lösung. Velazquez weiss thatsächlich mit seiner weichen breiten Behandlung der Lichter und Reflexe die Illusion des seidenartigen glänzenden Haares viel besser zu erzeugen als Dürer, der sich doch die grösste Mühe mit der Wiedergabe jedes Härchens giebt. Natürlich schliessen wir daraus nicht mit der fanatischen Einseitigkeit eines Ruskin, dass Dürer ein schlechter Maler gewesen sei, sondern dass die malerische Anschauung in seiner Zeit noch nicht entwickelt genug gewesen sei, um die that- sächliche optische Wirkung der Natur hervorzubringen. Ferner geht daraus nicht hervor, dass Dürer gar keine illusionistische, son¬ dern eine dekorative Absicht gehabt habe. Seine Absicht ging viel¬ mehr auf dasselbe Ziel wie die des Velazquez, nämlich auf Illusion. Er konnte diese Illusion nur noch nicht in demselben Grade er¬ reichen, weil damals die raffinierten Abweichungen von der Natur noch nicht ausgebildet waren, durch die die Malerei später die optische Wirkung der Natur künstlich hervorzubringen lernte. Auch hier geht also die Entwickelung bis zur höchsten Blüte auf Steigerung der Illusion. Sie ist durchaus kein willkür¬ licher Zickzackkurs, sondern eine stetig aufsteigende Linie, die mit logischer Konsequenz zu dem erstrebten Ziele hinführt. Diese Entwickelung ist notwendig, weil das Illusionsprinzip gar nicht die • • _ objektive Übereinstimmung mit der Natur, sondern die Reproduk¬ tion ihres optischen Eindrucks fordert. Würde es die objektive Übereinstimmung fordern, so wäre in der Stufe Dürers das Ziel