297 Wirkung, obwohl seine Urheber wie Phidias die Thatsache der Raumvertiefung sehr wohl kannten. Sie standen eben unter dem Einfluss einer strengeren Reliefanschauung, in die das räumliche perspektivische Problem überhaupt nicht aufgenommen war. Sie dachten gar nicht daran, dass man sich auch in dieser Technik die Aufgabe der Raumillusion stellen könne, folglich versuchten sie auch gar nicht sie zu lösen. Erst die späteren Künstler bemühten sich die Darstellungsmittel ihrer Kunst zu erweitern, der Natur auch von dieser Seite beizukommen. Und dasselbe kann man bei allen Aufgaben der Bildhauerei nachweisen, bei der Behandlung der Haare, der Gewänder, der Muskeln u. s. w., bei der Gruppenkomposition, bei sitzenden, liegenden oder sonstwie bewegten oder nicht bewegten Figuren. Überall zeigt sich eine Entwickelung von der schematischen Typi¬ sierung und dekorativen Beschränkung zu freier lebendiger Natur¬ auffassung, d. h. zu Steigerung der Illusion. In der Malerei wollen wir der vergleichenden Betrachtung zwei Probleme zu Grunde legen, nämlich das der Vereinfachung und das der Raumillusion. Dass die Malerei in Bezug auf die Vereinfachung der Formen überhaupt eine Entwickelung durch¬ gemacht hat, erklärt sich nur daraus, dass sie die Natur nicht genau so darstellen kann wie sie ist. Wenn der Maler überhaupt alle Blätter eines Baumes oder alle Haare eines Bartes darstellen könnte, so hätte die Malerei dies von einem bestimmten Zeitpunkte an jedenfalls gethan, und es liesse sich nicht absehen, wie darauf noch eine Entwickelung hätte folgen können. Da sie aber, um auf der Fläche überhaupt eine Wirkung hervorzubringen, abkürzen muss, und die verschiedenen Maler dieses Problem in ganz ver¬ schiedener Weise gelöst haben, so war die Möglichkeit einer Ent¬ wickelung gegeben, indem die eine Art der Abkürzung durch die andere abgelöst werden konnte. Dies geschah aber keineswegs willkürlich, mit der blossen Ab¬ sicht einer Anderslösung, sondern in ganz konsequenterWeise, mit der bewussten Absicht einer Besserlösung. Verfolgt man die Art, wie diese Aufgabe im Laufe der Zeit gelöst worden ist, von irgend einer früheren Kunststufe, z. B. der altniederländischen und deutschen Malerei des 15. Jahrhunderts, zu irgend einer späteren, z. B. der holländischen und spanischen Malerei des 17. Jahrhunderts, so kann man da wiederum einen stufenweisen Fortschritt nachweisen, nämlich den von peinlicher Sorgfalt der Ausführung zu grösserer