296 Rücksicht auf die technischen Mittel und innerhalb der historischen Entwickelung der Kunst des betreffenden Volkes möglich war. Das was vorher liegt, ist für das Gefühl des späteren objektiven Beur¬ teilers noch nicht ganz Natur, das was nachher folgt, ist nicht mehr ganz Natur. Die höchste Blüte ist immer nur ein Punkt der Entwickelung, liegt immer auf des Messers Schneide. Genau ebenso verhält es sich mit der Geschichte des Relief- Stils. Von dem streng flächenhaften Relief der Ägypter und älteren Griechen bis zu dem völlig malerischen Relief Ghibertis oder gar der Spätrenaissance und des Barock hat eine stufenweise Entwickelung stattgefunden, die immer mehr von der Flächen- haftigkeit zur räumlichen Illusion hinführte. Schon das griechische Relief des 5. Jahrhunderts, z. B. der Parthenonfries zeigt eine gewisse Tendenz zur Tiefenwirkung, indem z. B. eine kleine Zahl von Reitern schräg hintereinander dargestellt sind, freilich in einer Weise, dass dabei die Flächenhaftigkeit doch noch durch gleiche Erhebung aller Figuren über den Grund gewahrt bleibt. Im hellenistischen Relief finden wir schon landschaftliche Hinter¬ gründe, wenn auch mehr in andeutender als in räumlich reali¬ stischer Weise. Gleichzeitig und besonders später in der römischen Reliefplastik werden die Figuren durch verschiedene Relief¬ erhebung in mehreren Gründen geordnet, so dass die Illusion eines Vor- und Zurücktretens entsteht. Der Abschluss der Ent¬ wickelung ist das völlig malerische Relief, dessen landschaftlicher oder architektonischer Hintergrund fast den Eindruck macht, als ob es sich um ein in die Plastik übersetztes Bild handelte, indem die weiter vortretenden Teile erhaben, die weiter zurücktretenden entsprechend der Entfernung vom Beschauer in allmählicher Ab¬ stufung flacher gehalten sind. Hier ist es freilich sehr schwer den Punkt zu bezeichnen, der einerseits die grösste Annäherung an die Natur, andererseits die strengste Rücksichtnahme auf die technischen und dekorativen Bedingungen der Kunst darstellt. Die Entscheidung wird wesent¬ lich von dem Zweck und der Beleuchtung des Reliefs abhängen, d. h. davon ob es mehr selbständig oder dekorativ wirken, mehr offenes oder geschlossenes Licht erhalten soll. Aber die Entwickelungsrichtung ist vollkommen klar: Sie geht auf Steige¬ rung der Illusion, auf Annäherung an die Natur, d. h. an das räumliche Vorstellungsbild, das der Künstler von ihr hat. Der ältere strengere Reliefstil erstrebt keine realistische Raum-