295 leicht zur Seite gesetzt, die Gewandfalten freier und der neuen Bewegung des Körpers entsprechend behandelt. Die Behauptung, dass der strenge Vertikalismus der älteren Zeit beabsichtigt gewesen sei, dass er den Zweck gehabt habe, die Figuren den Bedingungen der Architektur anzupassen, ist ohne Zweifel irrig. Denn einmal verlangt der romanische Stil diesen Vertikalismus gar nicht in besonders hohem Grade, und dann zeigt gerade der gotische Stil, der ihn scheinbar am meisten verlangt, eine Reaktion im Sinne einer stärkeren Bewegung. Diese Reaktion nimmt in Bezug auf das Motiv der stehenden Figur genau die Formen an wie in der hellenistischen Plastik. Das Herausbiegen der Hüfte, dessen Notwendigkeit für die Illusion des Stehens ein¬ mal erkannt ist, wird übertrieben, wodurch die Figuren einen manie- ristischen Schwung, eine gesuchte S-Linie erhalten. Dies ist die Stufe, auf der die Plastik des 14. Jahrhunderts steht. Niemand kann darüber im Zweifel sein, dass die geschwungenen Bewegungsmotive dieser Zeit der Natur nicht mehr entsprechen, dass sie die Über¬ spannung eines an sich richtigen Prinzips darstellen. Auch diese Überspannung hat keineswegs einen dekorativen Zweck. Denn es ist nicht einzusehen, inwiefern die Plastik, wenn sie sich dem stren¬ gen Vertikalismus der Gotik anpassen wollte, diese geschwungenen Formen haben musste. Sie liegt vielmehr wiederum in der Rich¬ tung auf die Illusion. Man will um jeden Preis die Illusion des leichten eleganten Dastehens erzeugen. Aber man verwendet dazu Mittel, die schon nicht mehr der Natur entsprechen, sie vielmehr überbieten. Diese Überbietung ist für alle Verfallsperioden charak¬ teristisch. Sie beruht also auf einem gesetzlichen Verhalten, auf einem Entwickelungsgesetz. Dieses Entwickelungsgesetz lautet, dass die Kunst im Streben nach Illusion der Natur zunächst immer näher kommt, bis sie sie erreicht, um dann, wenn dies der Fall ist, von da ' # « an über das Ziel hinauszuschiessen. Diese Übertreibung nennen wir Manier, im Unterschied von Stil. Die höchste Stufe der Ent¬ wickelung ist immer die, wo einerseits der wahllose auf die Be¬ dingungen des Materials keine Rücksicht nehmende Naturalismus überwunden ist, andererseits aber doch innerhalb der Grenzen des so entstandenen Stils die Formen der Natur möglichst angenähert werden, der Natur möglichst objektiv entsprechen. Man gehe sämtliche Blüteperioden der Kunst durch und man wird finden, dass sich dieses Kennzeichen auf sie anwenden lässt. Die Annäherung an die Natur, die sie zeigen, ist thatsächlich die grösste, die mit