i4 ich unter Aufmerksamkeit die Einstellung der Sinne auf einen gegen¬ wärtigen, unter Spannung ihre Einstellung auf einen zukünftigen Reiz verstehe. Ohne Aufmerksamkeit ist eine genaue Wahrnehmung und folglich auch eine starke Lustwirkung unmöglich. Sie ist deshalb eine Bedingung des Kunstgenusses wie der Spielfreude. Doch ist sie nicht ihre eigentliche Ursache. Das erkennt man schon daran, dass wenn sie sich auf etwas Unangenehmes bezieht, Unlust entsteht. Man kann also höchstens sagen, dass sie die ästhetische Lust ermöglicht und steigert, wo diese durch andere Faktoren garantiert ist. Auch die Spannung ist nichts, was dem Spiel und der Kunst allein eigentümlich wäre. Vielmehr kommt sie auch sonst sehr häufig vor. An sich kann sie sowohl Erwartung von etwas An¬ genehmem wie von etwas Unangenehmem sein. Im allgemeinen ist natürlich die erstere lusterregender als die letztere. Menschen, die vermöge ihres optimistischen Temperaments bei jeder Er¬ wartung einen Überschuss an Hoffnung haben, werden die Span¬ nung als solche angenehmer empfinden als Pessimisten, die immer das Schlimmste voraussetzen. Doch ist es auch möglich, dass der Reiz der Spannung auf dem raschen Wechsel zweier kon¬ trastierender Vorstellungsreihen beruht. Man stellt sich rasch nacheinander den guten und den schlechten Ausgang einer schwe¬ benden Sache vor und geniesst, auch wenn man nicht über¬ wiegend optimistisch denkt, schon das Hinundheroszillieren des Bewusstseins zwischen diesen beiden Vorstellungen. Aber ein Über¬ wiegen der Hoffnung steigert natürlich die Lust der Spannung. Das Hazardspiel setzt immer einen Überschuss an Hoffnung voraus. Für den Gewohnheitsspieler ist die Spannung als solche ein Lebensbedürfnis. Sie unterbricht den trägen Fluss seiner Ge¬ danken und Gefühle, sie giebt ihm Gelegenheit Gefühle zu er¬ leben, die ihm die Wirklichkeit mit ihrem eintönigen Verlauf nicht bietet. In der Kunst spielt die Spannung nur da, wo es sich um ein Geschehen handelt, besonders in der Poesie und Schauspielkunst, aber auch in der Musik und im Tanz eine Rolle. Sie äussert sich hier in der Erwartung bestimmter Reize, deren Eintreten durch bestimmte Formen vorbereitet ist. Ich habe es schon früher (I 92) als falsch bezeichnet, wenn man die Spannung, in die uns ein guter Roman versetzt, als unkünstlerisch verwirft. Es ist kein Zweifel, dass der wollüstige Reiz der Spannung auch den Stachel eines unangenehmen Inhalts abstumpfen kann,