IO und sie beweisen, dass das Geräusch als solches für Kinder und Erwachsene von wenig entwickeltem Hörsinn einen Genusswert hat. Es ist unstatthaft, bei den Hörspielen angenehme und un¬ angenehme Geräusche zu unterscheiden. Ein Geräusch, das frei¬ willig ausgeführt wird, ist für den, der es ausführt, immer an¬ genehm. Man muss eben voraussetzen, dass dem Menschen auf einer niederen Entwickelungsstufe Geräusche einen mindestens ebenso grossen Reiz gewähren wie Töne. Eine Bestätigung dafür bietet die Vorliebe der Primitiven für Pauken, Tamtam, Schallstöcke, Schwirrhölzer, Gongs u. s. w. Offenbar ist das Bedürfnis nach Geräuschen, d. h. nach kräf¬ tiger Bethätigung des Gehörsinns eine Vorstufe des musikalischen Bedürfnisses. Was für die Kinder und Primitiven die Hörspiele sind, das ist für den Erwachsenen die Musik. Beide füllen eine Lücke in ihrem Leben aus, indem sie ihrem Hörorgan Reize zu¬ führen, die dieses zu seiner Erhaltung und Entwickelung braucht, während sie ihm das Leben nicht bietet. Sie sind also eine Er¬ gänzung der Wirklichkeit ohne bewussten Zweck. Und zwar ist ihre Wirkung eine vorwiegend sinnliche. Insofern entsprechen sie den sinnlichen Reizen der Musik. Aber daneben haben sie auch schon einen Gefühlswert, insofern Kinder mit ihnen meistens einem Gefühl, • « gewöhnlich dem der Lust oder des Übermutes Ausdruck geben. Und wenn diese Ausdrucksfähigkeit auch beschränkt ist, so bereitet sich doch gewiss schon auf dieser Stufe die Assoziation der akusti¬ schen Reize mit gewissen Gefühlen vor, die die Grundlage und Vorbedingung der späteren Ausdrucksfähigkeit der Musik ist. Die Verwandtschaft der Hörspiele mit der Musik ist also so eng, dass man sie geradezu als Vorstufe dieser Kunst bezeichnen kann. Beide unterscheiden sich nur dadurch voneinander, dass sie verschiedenen Entwickelungsstufen des Organismus entsprechen. Die Musik ist ein gesteigertes mit grösserem Formenreichtum und grösserer Aus¬ drucksfähigkeit ausgestattetes Hörspiel. Ebenso verhalten sich die Sehspiele zu den dekorativen Künsten und der sinnlichen Seite der Malerei und Plastik. Licht, Farbe und Glanz gewähren dem Menschen, wie wir gesehen haben, schon an sich ein sinnliches Vergnügen. Der Säugling wendet den Kopf gern dem Fenster oder der Lampe zu und früh entwickelt sich beim Kinde die Freude an bunten Farben und glänzenden Gegenständen. Die Sehspiele wollen dieses Bedürfnis befriedigen. Zuerst äussern sie sich in rezeptiver Form, d. h. als Freude an