361 kommt natürlich noch der persönliche Farbengeschmack des Malers, der zu bestimmten Farbenzusammenstellungen führt. Aber gerade er ist wie gesagt individuell und hat deshalb für die Ästhetik keine Bedeutung. Es ist ja wahrscheinlich, dass der Maler selbst und diejenigen Beschauer, die denselben Farbengeschmack haben, das Kunstschöne auch in einer ihm entsprechenden Farbengebung er¬ kennen, aber dasselbe Gefühl darf man nicht bei allen Menschen voraussetzen, und die Geschichte der Porträtmalerei lehrt, dass diese Regeln nicht bindend sind, dass man alles das auch anders machen kann, ohne dadurch die Wirkung eines Bildes in Frage zu stellen. Man denke z. B. an das Problem des dunkeln oder hellen Hintergrundes. Manche Porträtmaler lassen die Köpfe ihrer Modelle aus einer dunkeln Umgebung hervortreten, andere setzen sie wieder auf einem hellen Hintergründe ab. Jeder hält natürlich seine Art für die schönste. Da aber beide eine plastische Wirkung ermöglichen, kann die Ästhetik keine von ihnen für die allein be¬ rechtigte erklären. Der altmeisterliche Stil endlich, den mehrere unserer be¬ deutendsten Porträtmaler für notwendig halten und durch eine besondere Lichtführung und Farbenzusammenstellung zu erreichen suchen, könnte doch nur für diejenigen Beschauer das Schöne repräsentieren, die kunsthistorisch genügend geschult sind, um ihn zu würdigen. Und gerade unter diesen wird es nicht an solchen fehlen, die nicht begreifen, warum gerade der eine von ihnen das Schöne darstellen soll, die vielen anderen die es giebt aber nicht. Ja sie werden vielleicht, je höher sie die alte Kunst schätzen, um so mehr geneigt sein zu glauben, dass wir Modernen ganz be¬ sondere Veranlassung haben, in unserem eigenen Stil zu malen, weil wir wissen, dass es auch die Alten gethan haben. Ein Studium der Alten ist freilich immer von Nutzen, weil diese sich ein höchst rationelles System ausgebildet hatten, die Natur zum Zweck der Illusionserzeugung auszuwählen und zu accentuieren. Aber es giebt daneben auch andere Arten, dies zu thun, und die Freude an der Eigenart gerade eines bestimmten historischen Stils ist nicht ästhetischer, sondern intellektueller Art. Wer im stände ist, ohne Nachahmung der Alten Illusion zu erzeugen, thut immer besser daran, auf sie zu verzichten. Man kann sich also drehen und wenden wie man will, die ästhetische Schönheit eines Porträts beruht immer in erster Linie auf seiner Ähnlichkeit, d. h. auf dem glaubwürdigen Eindruck der