326 auch einen verschiedenen ästhetischen Mittelwert haben. Von einer Übereinstimmung des Geschmacks könnte also höchstens bei Men¬ schen desselben und zwar eines sehr engen Kulturkreises die Rede sein. Die Ästhetik ist aber nicht die Beschreibung des Geschmacks eines solchen Kulturkreises. Aus alle dem ergiebt sich nun zur Genüge, dass die Form als blosse Form für den Kunstgenuss nur eine geringe Bedeutung hat. Was an ihr selbständiger Reiz, d. h. unabhängig von der Illusion ist, kann wohl einen gewissen äusseren, d. h. rein sinnlichen Genuss gewähren, aber nicht im eigentlichen Sinne ästhetisch anregen. Die Form kommt also als solche für den höheren ästhetischen Genuss überhaupt nicht in Betracht, sondern nur als Vehikel der Illusion, als Mittel des Gefühlsausdrucks, der Erzeugung einer Vorstellung. Einen Gegensatz zwischen Form- und Inhaltsästhetik kann es also eigentlich nicht geben. Jede wahre Ästhetik ist Formästhetik, weil sie Inhaltsästhetik, und Inhaltsästhetik, weil sie Formästhetik ist. Beides fällt zusammen. ZWÖLFTES KAPITEL DER LUSTERREGENDE WECHSEL ZWEIER VORSTELLUNGSREIHEN WIR haben im achten und neunten Kapitel gesehen, dass die Bedingung jedes Kunstgenusses das strenge Auseinander¬ halten des wahrgenommenen Kunstwerks und der Vorstellung, die es erzeugen soll, ist. Der ästhetische Genuss ist also die Folge einer gleichzeitigen Entstehung zweier Vorstellungsreihen, die sich eigentlich ausschnessen. Kunst und Natur, Schein und Wirklich¬ keit, sinnliche Wahrnehmung und Gefühl kommen dem An¬ schauenden nebeneinander zum Bewusstsein, und zwar in gleicher