*99 älter und reifer er geworden sei, um so mehr der Natur genähert habe. Früher, so habe er ihm einmal selbst gesagt, sei er über die Mannigfaltigkeit und Buntheit seiner Bilder erfreut gewesen, also gerade das, was Michelangelo in den Gesprächen mit Hollanda an den niederländischen Bildern tadelt und was man etwa als äusserlichen dekorativen Farbenreiz bezeichnen könnte. In seinem Alter aber habe er angefangen, die Natur unmittelbar anzuschauen, ihre echte Erscheinung so genau, wie es ihm nur möglich sei, nachzuahmen. Die Erfahrung lehre ihn aber, wie schwer es sei, nicht von der Natur abzuweichen. Dürer ist nicht nur als Praktiker, sondern auch als Theoretiker ein Realist vom reinsten Wasser. Natürlich spielt auch bei ihm „das Schöne“ eine gewisse Rolle, und er scheint sogar in seiner Jugend, als er unter dem Einfluss des Jacopo de’ Barbari stand, geglaubt zu haben, dass die Schönheit der menschlichen Gestalt sich in be¬ stimmte Zahlen, Proportionsschemen u. s. w. fassen lasse. Ich habe aber kürzlich an der Hand seiner Proportionslehre nachgewiesen, dass er, je mehr er die Mannigfaltigkeit der Natur aus eigenem Studium kennen lernte, um so mehr zu der Einsicht kam, dass das unmöglich sei, dass man eben nichts anderes thun könne, als die Natur möglichst genau nachzuahmen. Dabei legte er ebenso wie Lionardo da Vinci auf die charakteristische Darstellung den grössten Wert. Der Maler hat durchaus nicht nur Schönes, sondern auch Hässliches darzustellen, je nach der Aufgabe, die ihm gestellt ist. Die Hauptforderung ist dabei die, dass er die gewählten Formen charakteristisch und die einzelnen Glieder eines Körpers zu einander und zum Ganzen passend darstelle. Denn der in der Natur vor¬ handenen Formen sind unzählig viele. Mit wahrer Wonne schildert Dürer die verschiedenen Varianten der Gestalt und des Gesichts und begleitet diese Angaben mit den bekannten Karikaturzeich¬ nungen, den „verrückten Gesichtern“, die so sehr an die Karikatur¬ köpfe Lionardos erinnern. Da aber die Natur ihre Formen so variiert, muss auch die Malerei sie variieren. Natürlich nur so weit, dass die Figuren menschlich bleiben, nicht tierisch oder phantastisch werden. „Und dass die Art durch den ganzen Leib gleichförmig wär, auch in allen Bilden, es sei in härter (knochiger) oder linder (weicher) Art, fleischechtig oder mager. Nit dass ein Teil feist, der ander dürr sei, als ob du machtest feiste Bein und mager Arm und widersinns (umgekehrt), oder vorn feist, hinten mager und wiederum. Auf