164 nicht auf dem Inhalt. Es kommt dabei nicht auf das Was der Darstellung, sondern auf das Wie an, d. h. auf die Anwendung solcher Formen, durch die rasch und mühelos eine kräftige An¬ schauungsillusion zu stände kommt. Wir können das Ergebnis der letzten drei Kapitel jetzt zu¬ sammenfassen. Unsere Absicht ging dahin zu beweisen, dass alle Künste ohne Ausnahme das Kennzeichen der Illusion haben. Dieser Beweis ist geführt. Wir haben sämtliche Künste im höheren Sinne des Wortes durchgenommen und gefunden, dass der Genuss, mit dem wir ihre Schöpfungen aufnehmen, mit einer Illusion verbunden ist. Und wir haben alle niederen Künste damit verglichen und gesehen, dass ihnen diese Illusion fehlt. Weder in der Reitkunst, noch in der Akrobatik, noch in der Pyrotechnik, noch in der Parfümerie, noch in der Kochkunst ist die geringste Spur von einer Anschauungsillusion zu beobachten. Subjektive Bewegungsillusion kann man auch bei einigen dieser niederen Künste empfinden, aber Anschauungsillusion nicht. Ihre Erzeug¬ nisse sind das, was sie scheinen, wfir stellen uns nichts anderes unter ihnen vor. Und da man das Wesen einer Sache logischer¬ weise nicht in dem erkennen kann, worin sie mit anderen überein¬ stimmt, sondern was sie für sich allein hat, so schliessen wir daraus, dass die Illusion das wesentliche Kennzeichen der Kunst ist, dass jede Fertigkeit und Geschicklichkeit des Menschen erst durch die Illusion zur Kunst emporgehoben wird. Erst damit ist nun eine scharfe Abgrenzung der Kunst nicht nur gegen die eben erwähnten artistischen Fertigkeiten, sondern auch gegen alle anderen Thätigkeiten des Menschen ermöglicht. Erst jetzt wird uns völlig klar, was die Kunst vom Handwerk scheidet. In einem Handwerksprodukt sieht man immer nur das, was es ist, es regt den Beschauer nicht zu einer Illusion an. Sobald es auch nur den leisesten Ansatz zu einer Form zeigt, in der man sich etwas anderes vorstellen könnte als was man sieht, nähert es sich der Kunst. Erst jetzt können wir auch den Unterschied der ästhetischen Anschauung vom wissenschaftlichen Denken und vom ethischen Wollen, den wir früher im Fehlen des praktischen Zwecks gesucht haben, vollkommen erkennen. Weder beim wissenschaftlichen Denken noch beim ethischen Wollen noch beim moralischen Urteilen kommt eine Illusion zu stände. Was der Gelehrte erforscht