io8 0 einen anderen. Er kann sich eben, durch die Illusion, in jede Rolle hineinversetzen. Und gerade dieses Sichhineinversetzen, dieses Thunalsob ist das Ausschlaggebende bei seiner wie bei jeder künst¬ lerischen Thätigkeit. Und was vom Schauspieler gilt, gilt genau ebenso, ja sogar in noch höherem Grade, vom Zuschauer. Es ist vollkommen über¬ flüssig, dass dieser die Gefühle der Personen, die in dem Stück Vorkommen, alle selbst mitfühlt. Es genügt vollkommen, wenn er sie sich vorstellt. Natürlich wird er sich in die Personen, die ihm sympathisch sind, in höherem Grade einfühlen, d. h. lebhafter mit ihnen fühlen wie mit den anderen. Aber in voller Stärke wird er das Gefühl, das der Inhalt voraussetzt, durchaus nicht in sich erzeugen. Sonst müsste man ja z. B. annehmen, dass der Zuschauer während der letzten Szene der Maria Stuart, wo Leicester durch den Fussboden des Zimmers hindurch das Ge¬ räusch der Hinrichtung der Königin hört, genau dieselben Ge¬ fühle hätte wie ein Mensch, der einer wirklichen Hinrichtung bei¬ wohnt. Welcher Art diese sind, wissen wir ja: Ein Gemisch von Neugier, Grauen, Entsetzen und Mitleid, wie es wohl die rohe Menge früher hatte, wenn sie zu den öffentlichen Hinrichtungen strömte. Schiller würde sich wohl schön bedanken, wenn man ihm die Absicht solche Gefühle zu erzeugen unterlegen wollte. Nachdem wir hiermit das Wesen des ästhetischen Schein¬ gefühls kennen gelernt haben, können wir uns zur Analyse des lyrischen Genusses wenden, in Bezug auf dessen Wesen die sonderbarsten Missverständnisse herrschen. Die Lyrik ist die Kunst der Gefühls- und Stimmungsillusion. Zwar giebt es Gattungen der¬ selben, die auf Erregung wirklicher Gefühle ausgehen. Dazu gehört z. B. die Kriegslyrik, die beim Ausbruch eines Krieges zu ent¬ stehen pflegt und im Felde von den Truppen gesungen wird. Sie geht aus einem unmittelbaren kriegerischen Gefühl hervor und hat den Zweck, in den Zeiten, wo nicht gekämpft wird, z. B. auf dem Marsche oder im Quartier, den Kampfinstinkt lebendig zu erhalten, und dadurch mittelbar den Mut und die Ausdauer der Soldaten zu steigern. Dazu gehört ferner die Lyrik des Gesang¬ buchs, die von Männern der Kirche aus dem innersten religiösen Bedürfnis heraus gedichtet ist und dazu dienen soll, die religiösen Gefühle der Gemeinde zu wecken und zu kräftigen. Dazu kann man endlich die politische Lyrik rechnen, die meist von freisinniger Seite, aus demokratischer Gesinnung heraus geschaffen wird und