5 Schwächen der letzteren nicht verschweigen darf. Aber das kann ohne persönliche Polemik geschehen. Der Verfasser hätte zu dieser freilich allen Grund gehabt. Die vorliegende Theorie ist schon vor sechs Jahren in einem kurzen Auszug veröffentlicht worden, nämlich in der Tübinger Antrittsvorlesung: Die bewusste Selbst¬ täuschung als Kern des künstlerischen Genusses (Leipzig 1895). Natürlich kann man in einem dreiviertelstündigen Vortrag die Be¬ gründung einer neuen ästhetischen Theorie nur in den gröbsten Umrissen geben, wobei es ohne gewisse Gewaltsamkeiten nicht _ • • abgeht. Eine Aquarellskizze ist eben kein ausgeführtes Ölbild. So unklar glaubte ich mich aber doch nicht ausgedrückt zu haben, dass es möglich wäre, mich mit denselben Argumenten zu wider¬ legen, die geradezu die Stütze meiner Theorie bilden, also meine Lehre genau in ihr Gegenteil umzukehren. Unter diesen Um¬ ständen wäre eine derbe Abfertigung einiger Vertreter der herr¬ schenden Theorien wohl am Platze gewesen. Ich habe darauf verzichtet, weil ich weiss, dass das grössere Publikum sich für wissenschaftliche Streitfragen gar nicht inter¬ essiert. Die Aufnahme, die meine „bewusste Selbsttäuschung“ in Fachkreisen gefunden hat, hat mir auch gezeigt, dass man ältere Fachgenossen nicht zu bekehren versuchen sollte. Es ist psychologisch undenkbar, dass ein Ästhetiker, der sein ganzes Leben der Ausbildung eines Systems gewidmet hat, in dem das Wort Illusion gar nicht oder nur in verächtlichem Sinne vorkommt, nun mit einemmale eine Theorie billigen sollte, die ganz auf der Illusion aufgebaut ist. Man braucht ja auch gar nicht zu verlangen, dass alle Men¬ schen dieselbe Auffassung von der Kunst haben. Es führen gar viele Wege nach Rom und die Kunst bleibt dieselbe, mag sie nun heute von dieser, morgen von jener Seite betrachtet werden. Jedes Ding hat verschiedene Seiten, und jeder Forscher wird es schliesslich von derjenigen ansehen, die seiner Neigung und Vorbildung am meisten entspricht. Die meinigen weisen mich auf die bildende Kunst und die Kunstgeschichte. Mögen andere die Sache an einem anderen Ende anfassen. Die Wissenschaft kann dabei nur gewinnen. Man lege mir also die Nichterwähnung der früheren Litteratur nicht als Nachlässigkeit oder Hochmut aus. Ihr Inhalt ist, soweit es mir nötig schien, in die Darstellung verarbeitet worden, wenn diese auch nicht den Anspruch macht, fremde Forschungen zu-