Drittes Stadium der Illusion. 731 Immer handelt es sich nur um Linderung von Uebeln, nicht um Erlangung positiven Glückes. Die einzige scheinbare Ausnahme wäre die genossenschaftliche Mehrung der Gesammtwohlhabenheit, aber diese ist schon weiter oben berücksichtigt. Dies wären nun die Hauptrichtungen des Weltfortschrittes. Soweit sie auf Realitäten beruhen, kommen sie darin überein, den Menschen aus der Tiefe seines Elendes mehr und mehr dem Bauhorizont der Empfindung entgegen zu heben. Wären die idealen Ziele erreicht, so wäre der Nullpunct oder Indifferenz- punct der Empfindung in Bezug auf diese Lebensrichtungen erreicht ; da aber Ideale ewig Ideale bleiben, und die Fortschritte der Wirklichkeit sich ihnen wohl nähern, aber nie sie erreichen können, so wird in dieser Lebensrichtung die Welt nie die Höhe des Nullpunctes erreichen, sondern stets unterhalb desselben in der überwiegenden Unlust stecken bleiben. Man kann sich über den eudämonologischen Werth der Weltfortschritte klar werden, auch ohne sich darum zu bekümmern, worin sie bestehen. Man braucht nur an die Analogie des Einzelnen zu denken. Wer in eine bessere Lebens¬ lage kommt, wird bei dem Uebergang vom Schlechteren zum Besseren allerdings Lust empfinden; aber erstaunlich schnell verschwindet diese Lust, die neuen besseren Umstände werden als etwas sich von selbst Verstehendes hingenommen, und der Mensch fühlt sich nicht um ein Haar breit glücklicher, als in seiner früheren Lage. (Der Uebergang aus dem Besseren in’s Schlechtere erzeugt schon eine viel länger anhaltende Unlust.) Gerade so ist es bei einer Nation, gerade so bei der Menschheit. Wer fühlt sich wohl jetzt wohler als vor dreissig Jahren, weil es jetzt Eisenbahnen giebt, und damals keine? Und sollte den älteren Personen der Unterschied mit damals noch zur Empfin¬ dung kommen, so doch gewiss nicht denen, welche nach Ent¬ stehung der Eisenbahnen geboren sind. Es hat sich mit den ver¬ mehrten Mitteln nichts weiter vermehrt, als die Wünsche und Bedürfnisse, und in Folge davon die Unzufriedenheit. Und sollte sogar die Menschheit jemals dazu gelangen, die an¬ steckenden Krankheiten durch Prophylaxis und Nosophthorie, die erblichen durch rationellere Menschenzüchtung (vermittelst Wieder- freigebung des unnatürlich beschränkten und fast auf den Kopf gestellten Kampfes um’s Dasein), die übrigen durch Fortschritte der Hygieine und Medicin loszuwerden, sollte es ihr auch gelin¬ gen, die Nahrungsmittel aus unorganischen Stoffen in chemischen