Erstes Stadium der Illusion. 2. 647 scheinlich schwankt übrigens dieser Coefficient bei verschiedenen Individuen zwischen gewissen Grenzen, und dürfte nur seine mittlere Grösse grösser als 1 sein. Ueber die dieser merkwürdigen Erscheinung zu Grunde liegenden Ursachen wage ich keine Yermuthung aufzustellen. So viel ist gewiss, dass, wenn die Thatsache richtig ist, auch dieser Umstand zu Ungunsten eines überwiegenden Glückes in der Welt spricht. Die Welt gleicht dann einer Geldlotterie : die eingesetzten Schmerzen muss man voll einzahlen, aber die Ge¬ winne erhält man nur mit Abzug ausbezahlt. So sagt Schopen¬ hauer (Parerga II. 313): „Hiermit stimmt auch dies, dass wir in der Regel die Freuden weit unter, die Schmerzen weit über unserer Erwartung finden.“ (S. 321): „Sehr zu beneiden ist Niemand, sehr zu beklagen Unzählige.“ (W. a. W. u. Y. II. 658): „Ehe man so zuversichtlich ausspricht, dass das Leben ein wünschenswertes oder dankenswertes Gut sei, vergleiche man einmal gelassen die Summe der nur irgend möglichen Freu¬ den, welche ein Mensch in seinem Leben geniessen kann, mit der Summe der nur irgend möglichen Leiden, die ihn in seinem Leben treffen können. Ich glaube, die Bilanz wird nicht schwer zu ziehen zein.“ Es ist nun unsere Aufgabe, im Leben des Individuums nach¬ zuforschen, ob die Summe der Lust oder der Unlust überwiegt, und ob in dem Individuum als solchem die Bedingungen gegeben sind, um unter den denkbarst günstigsten Umständen in seinem Leben einen Ueberschuss der Lust über die Unlust zu erreichen. Da das zu betrachtende Feld zu gross zu einem gleichzeitigen Ueberschauen ist, so wollen wir uns die Lösung erleichtern, in¬ dem wir die Summe der Lust und Unlust nach den Plaupt- richtungen des Lebens gesondert betrachten. Immer aber muss während der künftigen Betrachtungen der Leser die vorange¬ schickten allgemeinen Bemerkungen im Sinne behalten, da die in denselben erwähnten Umstände fortwährend als wesentlich beschränkende Coefficienten der Lust in Wirksamkeit sind, wo¬ hingegen sie den Schmerz entweder vollgültig bestehen lassen, oder gar noch vermehren. 2. Gesundheit, Jugend, Freiheit und auskömmliche Existenz als Bedingungen des Nullpunctes der Empfindung, und die Zufriedenheit. Die genannten Zustände werden meistens als die höchsten Güter des Lebens in Anspruch genommen, und nicht ohne Grund ;