644 Abschnitt C. Capitel XII. der Negativität des Uebels fanden, haben wir zugleich drei Momente erfasst, deren jedes zu Gunsten des Schmerzes in unsere Waagschale fällt, und welche in ihrer Vereinigung prac- tisch fast dasselbe Resultat geben, wie die Schopenhauer’sche Theorie; es sind dies 1) die Erregung und Ermüdung der Nerven und das daraus entspringende Bedürfniss nach dem Aufhören des Genusses, wie des Schmerzes; 2) die Nothwendigkeit, alle Lust als indirecte zu berücksichtigen, welche nur durch Auf¬ hören oder Nachlassen einer Unlust, aber nicht durch momentane Befriedigung eines Willens im Augenblick der Erregung des¬ selben entsteht; 3) die Schwierigkeiten, welche dem Bewusst¬ werden der Willensbefriedigung entgegenstehen, während die Unlust eo ipso Bewusstsein erzeugt; — wir können hinzufügen: 4) die kurze Dauer der Befriedigung, die wenig mehr als ein ausklingender Augenblick ist, während die Nichtbefriedigung so lange, wie der actuelle Wille währt, also, da es kaum einen Moment giebt, wo nicht ein actueller Wille vorhanden wäre, so zu sagen, ewig ist, und nur allenfalls limitirt durch die Be¬ friedigung, welche die Hoffnung gewährt. Dem zweiten Punct müssen wir noch einige Berücksichtigung schenken. Wenn wir Beispiele solcher Lustempfindungen suchen, welche nur in einem Aufhören oder Nachlassen der Unlust be¬ stehen, so ist sorgfältig darauf zu achten, dass man nicht solche Fälle mit hineinzieht, wo die Lust noch durch eine anderweitig hinzukommende Willensbefriedigung verstärkt wird, wie z. B. zur Befriedigung des Hungers und Durstes der Wohlgeschmack der Speisen und die kühlende Erquickung des Trankes, zur Stillung der Liebessehnsucht der physische Geschlechtsgenuss hinzukommt. Reine Beispiele sind für das sinnliche Gebiet ein nachlassender Zahnschmerz, für das geistige die Genesung eines Freundes aus tödtlicher Krankheit. So wie man solche reine Beispiele betrachtet, wird kein Mensch mehr zweifelhaft sein, dass die durch Aufhören der Unlust entstehende Lust sehr viel geringer ist, als jene Unlust war, gerade wie umgekehrt die durch Aufhören einer Lust entstehende Unlust weit geringer als jene Lust ist. Diese Erscheinung könnte im ersten Augenblick überraschen, da man die Stärke des Gefühles nur von dem Grade der Aende- rung, nicht aber von der Lage des Anfangs- oder Endpunctes der Veränderung zum Indifferenzpuncte der Empfindung als ab-