574 Abschnitt C. Capitel IX. aber natürlich an den Grenzen immer Meinungsverschieden¬ heiten über die Anwendung des Begriffes bestehen bleiben wer¬ den. Einige haben gemeint, den Streit dadurch zu schlichten, dass sie als Kriterion der Artverschiedenheit zweier Thiere die Unmöglichkeit der Erzeugung fruchtbarer Nachkommen durch dieselben aufstellten ; aber erstens sind zwei Thiere nicht deshalb über ein gewisses Maass hinaus verschieden, weil sie keine fruchtbaren Nachkommen zeugen können, sondern sie können deshalb keine fruchtbaren Nachkommen zeugen, weil sie über ein gewisses Maass hinaus verschieden sind, und dieses Merk¬ mal würde mithin immer nicht das Wesen, sondern nur eine Folge der Artverschiedenheit betreffen; zweitens jedoch ist die Grenze der Zeugung fruchtbarer Nachkommen eben so flüssig, wie der Artbegriff, da eben nur die Anzahl der fruchtbare Nachkommen liefernden Begattungen unter ein und derselben Ge s a mm t zahl von Begattungen um so kleiner wird, je ver¬ schiedener die Thiere werden, aber Niemand früher als nach unendlich vielen Versuchen behaupten kann, dass eine Zeu¬ gung fruchtbarer Nachkommen zwischen diesen beiden Thieren unmöglich ist; drittens endlich ist factiscli dieses Merkmal in nicht wenigen Fällen mit dem durch allgemeine Uebereinstim- mung festgestellten Gebrauch des Artbegriffes in Widerspruch, denn von allgemein als artverschieden betrachteten Thieren sind durch Kreuzung fruchtbare Nachkommen erzielt worden, z. B. von Pferd und Esel (in Spanien), von Schaf und Ziege, von Stieglitz und Zeisig, von Mathiola maderensis und incana, von Calceolaria plantaginea und mtegrifolia u. a. m., ja sogar frei¬ willige Bastardzeugungen ohne Dazwischenkunft des Menschen zwischen wilden oder doch halbwilden Thieren constatirt worden (zwischen Hund und Wölfin, Fuchs und Hündin, Stein¬ bock und Ziege, Hund und Schakal u. s. w.), und zahlreiche Ba- stardracen giebt es, welche unter einander bis in’s Unendliche fruchtbare Nachkommenschaft liefern, z. B. Bastarde von Hase und Kaninchen, von Wolf und Hund, Ziege und Schaf, Kameel und Dromedar, Lama und Alpaca, Vigogne und Alpaca, Stein¬ bock und Ziege u. s. w. Andererseits verhalten sich auch die Racen sehr verschieden; einige können, andere wollen sich durchaus nicht mit einander vermischen, bei wieder anderen ist thatsächlich die Fruchtbarkeit in der Generationsfolge sehr be¬ schränkt. Ebensowenig wie die Fruchtbarkeit der Bastarde für