572 Abschnitt C. Capitel IX. Seitenlinie im Stammbaum des Thierreichs bilden, in welchem sie entschieden höher stehen als die Knorpelfische. — Diese Bei¬ spiele mögen genügen, um unsere Behauptung zu belegen und zu veranschaulichen. Es lässt sich diese Thatsache, welche Darwin anerkennt, nicht durch dessen Behauptung erklären, dass die strenge Con- stanz der Vererbung der Eigenschaften ein durch die Dauer des Bestehens erworbener Besitz für jede Art sei, und jede Art um so weniger von ihrem Artcharacter abzuweichen geneigt sei, je älter sie sei. Es liegt in dieser Behauptung das Rich¬ tige, dass junge Arten ihrer Stammform noch näher stehen als ältere, die ihres Ursprungs gleichsam uneingedenk sich in ihrer beschränkten Eigenthümlichkeit verhärtet haben, und dass deshalb junge Arten von gemeinsamer Abstammung auch unter einander mehr Verwandtschaft und Vermischungsfähigkeit zeigen als ältere. Solche junge Arten, die noch in beliebiger Kreuzung haltbare Bastardracen liefern, nennt man flüssige Arten, im Gegensatz zu den in sich abgeschlossenen festen Arten, bei denen jede Bastardrace schnell wieder durch Rückschlag in den Stainm- racen untergeht. Solche flüssige Arten sind z, B. die Arten der Hunde, Finken, Mäuse, während die Menschenracen sich im Ueber- gangsstadium von flüssigen zu festen Arten befinden, so zwar, dass zwischen den entlegeneren Gliedern der Reihe schon keine dauerhafte Bastardrace mehr zu erzielen ist. — Entschieden un¬ richtig ist hingegen der obige Satz Darwins, insofern er behauptet, dass mit der Dauer des Bestehens allgemein und ge- setzmässig die Fähigkeit, zu variiren, abnähme; vielmehr zeigt die künstliche Züchtung an Pflanzen und Thieren bisher keine Unterschiede für die Variationsfähigkeit von alten und jungen Arten. Gesetzt aber, die Behauptung wäre richtig, so würde man doch ihr zufolge grade das Ge gentheil von dem erwar¬ ten müssen, was sie erklären soll; denn da die vollkommeneren und reich differenzirten Arten allemal seit kürzerer Zeit beste¬ hen, also jünger sind als ihre unvollkommeneren Stammformen, so würden die letzteren, als die älteren, minder geeignet sein, neue Entwickelungsreihen aus sich zu beginnen, während die Thatsachen das Gegentlieil lehren. Wir haben also festzu¬ halten, dass vollkommenere Arten factisch eben so leicht und eben so sehr variiren, als unvollkommenere, wenn sie durch veränderte Verhältnisse dazu veranlasst werden; nur haben