398 Abschnitt C. Capitel If. Eine noch unglücklichere Anführung für das leibfreie Bewusst¬ sein ist das schon erwähnte bisweilen statttindende Wiederkehren des Bewusstseins vor dem Tode. Auch hier spielt jene innere Hyperästhesie des Hirnes bei äusserer Anästhesie mit, welche mitunter jene Verklärung des Geistes hervorbringt, die ihre Wahrsagungen und Gedächtnissschärfe mit dem somnambülen Zustande, ihre freudige Buhe und stille, schmerzlose Heiterkeit mit dem gleichen Nervenzustande (Analgesie) bei den höchsten Graden der Tortur oder gewissen narkotischen Bauschen gemein hat. Die Anästhesie nach Aussen ist dabei nur das natürliche Gegengewicht gegen die innere Hyperästhesie, wir finden die¬ selbe ebenfalls bei der Entrückung der mystischen Asketiker, bei den Somnambülen, bei schwachen Graden des Chloroformirens und bei vielen anderen Narkosen, z. B. Haschisch; auch bei manchen Zuständen des Wahnsinns zeigt sie sich bisweilen; so beweist also dieses Gefühl der Leibfreiheit keineswegs eine Minderung, sondern vielmehr eine Steigerung des Gehirnreizes, und nichts weniger als die Leibfreiheit des Bewusstseins. Ganz ähnliche Umstände führen die ähnlichen Erscheinungen kurz vor dem Ertrinken herbei. Wenn endlich als Kriterium des leib¬ freien Bewusstseins die Aufhebung der Zeit in der Gedanken¬ folge behauptet wird, so wäre dies gleichbedeutend mit dem intuitiven, zeitlosen, momentanen, impliciten Denken, welches jedem discursiven Bewusstsein, als welches Vergleichen expliciter Vorstellungen verlangt, widerspricht. Es wird aber auch in den Beispielen nur der schnellere Gedankenlauf angeführt, wie er eben bei Zuständen der höchsten Gehirnreizung, bei narkotischen Vergiftungen, vor dem Ertrinken u. dgl. vorkommt, und seit jeher als die Ideenflucht bei gewissen Formen des Wahnsinnes bekannt ist. Was Wunder, dass in einem überreizten Gehirne die Vor¬ stellungen schneller als gewöhnlich auf einander folgen? So lange überhaupt noch die Vorstellungen zeitlich auf einander folgen, beweisen sie die Einwirkung der Materie, durch deren Schwingungen erst die Zeit in’s Denken kommt, so wie aber das Denken leibfrei ist, ist es zeitlos und damit unbewusst. Was wir in diesem Capitel vom menschlichen, als dem höchsten uns bekannten Bewusstsein, bei welchem man am ehesten eine Selbstständigkeit vom Leibe vermuthen könnte, nachgewiesen haben, gilt selbstredend auch von den Ganglien der niederen Thiere, welche das Gehirn der Wirbelthiere ersetzen,