Das Unbewusste in der Entstehung der sinnlichen Wahrnehmung. 297 Eine kindlich unmittelbare Anschauungsweise betrachtete die Sinneseindrücke als Bilder der Dinge, die diesen völlig ent¬ sprächen, wie das Spiegelbild seinem Gegenstände. Als Locke und die moderne Naturwissenschaft die völlige Heterogenität der Empfindung und der Eigenschaft des Objectes zum wissenschaft¬ lichen Gemeingute gemacht hatten, sollte das Retinabild, welches man an Augen fremder Wesen erblickte, die frü¬ here Stelle des Dinges vertreten, und die Empfindung ihrem Inhalte nach jetzt so identisch mit dem Retinabilde als früher mit dem Dinge sein, eine Ansicht, die noch jetzt eine gewöhnliche ist. Man vergass aber dabei, dass es etwas ganz Anderes ist, ein objectives Bild in der Grösse eines Auges auf einem fremden Auge mit seinen eigenen Augen wahr¬ zunehmen, oder selbst die nur nach Winkelgraden bestimm¬ bare Gesichtsempfindung ohne absolute Fläch en g rosse zu haben; man vergass, dass die Seele nicht als ein zweites Auge hinter der Retina sitzt, und sich dieses Bild beguckt, man bemerkte nicht, dass man denselben Fehler wie bisher mit den Dingen, nur in versteckterer Weise beging; denn was einem fremden Auge auf der Retina als Bild erscheint, ist in diesem Auge selbst nichts als moleculare Schwin¬ gung^ zustände, gerade so gut wie das, was an den Dingen dem Beschauer als Farbe, Helligkeit u. s. w. erscheint, in den Objecten nur moleculare Schwingungszustände sind. Man liess sich also von der Frepgde, im Auge eine Camera obscura ent¬ deckt zu haben, dupiren, und hielt das frühere Problem für gelöst, indem man es um eine äusserliche Instanz verschob. Die Physiologie des Auges hat seitdem begriffen, dass das Auge nicht eine Camera ist, um der Seele Bilderchen auf dem Grunde der Retina zu zeigen, sondern ein photographischer Apparat, der die molecularen Schwingungszustände der Retina chemisch- dynamisch so verändert, dass Schwingungsarten, welche mit den Lichtschwingungen im Aether kaum noch eine Aehnlichkeit ha¬ ben, dem Sehnerven zur Fortpflanzung übergeben werden, so dass z. B. diejenigen Modificationen des Lichts, welche als Farbe em¬ pfunden werden, im Nerven Combinationen verschieden starker Functionen dreierlei verschiedener Arten von Endorganen in der Netzhaut sind, während die entsprechenden Modificationen des physicalischen Lichtstrahls sich nur durch die Wellenlänge der Schwingungen unterscheiden. Ferner hat das Licht eine Ge-