4 — dem eine gelinde Täuschung ist, denn seitdem Claviere existiren, hat es noch kein völlig rein gestimmtes gegeben. Es lässt sieh wissenschaftlich genau nachweisen, dass bei der Anordnung der Töne, wie sie im Clavier angenommen ist, deren Schwingungsverhältnisse eine vollkommen reine Stimmung der Akkorde schlechterdings nicht zulassen. Wer sich für den Nachweis dieser Behauptung interes- sirt, der mag sich in einem physikalischen Werke oder bei einem Professor der Physik Belehrung holen. Wir müssen uns hier mit der Anführung der Thatsache begnügen, Wollte sich der Stimmer vermessen, die Töne eines einzigen Akkordes ganz genau rein zu stimmen, so würden andere Akkorde, in welchen Töne des ersten Vorkommen, unser Ohr beleidigen. Es liegt auf der Hand, dass diese Ver¬ hältnisse, wie sie nun einmal gegeben sind, dem Stimmer die grösste Pein verursachen müssen, und, um sich mög¬ lichst gut aus der „Patsche“ zu ziehen, ist er genöthigt, „auszugleichen“, zu „temperiren“, wie man sich ausdrückt, d. h. er muss suchen, sämmtliche Akkorde so zu stimmen, dass keiner einem geübten Ohre wehe timt; dabei werden aber alle ohne Ausnahme bis zu einem gewissen Grade unrein. Wenn dies nun Manche nicht merken, so vermag ihr Gehör kleine Tondifferenzen nicht zu unterscheiden. Dieses „Temperiren“ möglichst gut zu treffen, ist keine so leichte und die wichtigste Aufgabe des Stimmers, welche übrigens durch mechanische Umständlichkeiten verschiedener Art, wie wir später nachweisen, sehr erschwert werden kann. Einige Schwebungen zu hoch oder zu tief bei die¬ sem oder jenem Tone eines Akkordes rächen sich doppelt in einem andern. Ein sichereres Maass als sein Gehör steht ihm aber bei dieser ermüdenden Arbeit leider nicht zu Ge¬ bote. Dieses ist aber zudem nicht immer gleich zuverlässig, namentlich wenn Ermüdung der Gehörsnerven eingetreten ist, und so kann es leicht Vorkommen, dass der sonst „gute“ Stimmer beim besten Willen minder gut, sogar schlecht stimmt. Es ist für ihn ungleich schwierig, das erste oder das sechste Piano an einem und demselben Tage zu stim¬ men. Dieses wird ihm in der Kegel weniger gut gelingen als jenes, weil ihn das ermüdete Ohr täuschen kann. Das wäre, theoretisch betrachtet, die Aufgabe des Clavierstim-