Die Kunst des Clairierstimmens. Bei der grossen Verbreitung, welche das Clavier in unseren Tagen gefunden hat, möchte es wohl am Platze sein, auch über die „Kunst des Stimmens“ um so eher Einiges zur Verständigung mitzutheilen, als mancherorts, wie wir vielfach zu erfahren die Gelegenheit hatten, noch sehr unklare Begriffe hierüber existiren. Es giebt wohl wenige Berufsleute, über die bezüglich ihrer Leistungen mehr Klage geführt wird, als über die „Clavierstimmer“ und daher hört man auch so oft die Frage: „Wer ist denn eigentlich der beste Stimmer?“ Eine ganz zufriedenstellende Antwort ist leider nicht zu ertheilen, denn Keiner ist’s immer. Man probirt’s mit Diesem und Jenem — aber — o Jammer, vollkommen befriedigen kann höchst selten, einer, eben weil viele ClaVierbesitzer über die Be¬ deutung des Stimmens im Unklaren sind. Wo hapert’s denn? Haben die Stimmer ihren Beruf nicht gründlich genug erlernt? Fehlt es am Können, am Wollen, an der Uebung, an der Ausdauer? Oder ist am Ende das Piano selbst an der Misere schuld? Wir wollen versuchen, im Interesse der Stimmer so¬ wohl als auch der Clavierbesitzer (die Miether grämen sich in der Kegel weniger darüber) möglichst klare und deut¬ liche Antwort in der Sache zu geben. Die kürzeste ist die: Es ist eine absolute Unmöglichkeit, ein Piano völlig rein zu stimmen und. der beste Clavierstimmer von der Welt ist nolens volens genöthigt, dasselbe unrein zu stimmen und gerade darin besteht seine grösste Kunst. „Oho, schwatzt Der Unsinn“, wird mancher Clavier- spieler sagen, „habe ich doch schon oft auf einem schön rein gestimmten Piano gespielt!“ Halt, Freund, „mit gütigem Verlaub“ müssen wir bemerken, dass dies nicht wahr, son- 1*