Beziehungen der Gemütsbewegungen und Gefühle zu Störungen der Sprache. 279 Dienst. Ich erinnere Sie an das Liebeslied der Sappho, wo sie schildert, wie der Anblick der Geliebten ihr Stimme und Zunge lähmt, wie ihr die Knie zittern, die Ohren klingen und ihr schwarz vor den Augen wird. Ähnliches schildert Lucrez, und das bekannte „obstupui, steteruntque comae, vox faucibus haesit“ des Vergil zeigt, wie auch der Schrecken die gleichen Wirkungen ausübt. Diese völlig hemmenden Wirkungen höchster Affekte treten aber doch nur bei sonst normaler Sprache ein; bei Sprachstörungen kann der Verlauf ein anderer sein. So wissen wir, daß bei total Aphasisehen der starke Affekt noch imstande ist, komplizierte Flüche (Kußmaul nennt sie „sesquipedale“) auszulösen; der starke Stotterer spricht im höchsten Zorn oft fließend; der Sohn des Krösus bekam im höchsten Angstaffekt die Sprache wieder, und der stotternde König Battus, der vom delphischen Orakel zur klima¬ tischen Kur in die ly bische Wüste geschickt wijrde, bekam von dem Anblick eines ihm plötzlich begegnenden Löwen einen so heftigen Schreck, daß er von Stund an wieder fließend sprechen konnte. So ist Ihnen ja die Entstehung des hysterischen Mutismus unter dem Einfluß starker Affekte allgemein bekannt. Auch perio¬ disch kommt derartiges Verstummen unter Affekteinwirkungen vor. So verlor, wie Kußmaul erzählt, eine hysterische zänkische Erau jedesmal im Affekt die Sprache, ein Fall, der mehrfach zu possen¬ haften Wirkungen auf die Bühne gebracht wurde. Jedoch will ich hier nicht über die hysterischen Störungen der Sprache, die unter dem Einfluß des Affekts entstehen, referieren, obwohl sie, wie wir sehen werden, eigentlich die einzigen sind, die wirklich als primär- thymogen angesehen werden können. Versetzt man sich aber einmal in den seelischen Zustand jener zänkischen Frau, die im Affekt nicht sprechen konnte, so fühlt man förmlich die innere Spannung mit, die eine aufgestaute und gehemmte Rede verursacht, und man versteht, daß es Leute gibt, die an einer versetzten Rede stärker leiden, wie an einer versetzten Blähung. Wir erkennen aus diesem Gegensätze, daß das Sprechen selbst für den Ablauf des Affekts eine geradezu lösende, beruhigende, entspannende Wirkung hat. Die Redensarten: „wes das Herz voll ist, des geht der Mund über“ — „ich muß mich aussprechen, sonst ersticke ich“ u. a. m. weisen auf diese überaus wichtige, oben schon mehrfach erwähnte, und das Verständnis vieler Sprachstörungen überhaupt erst ermöglichende Beziehung hin. Andererseits erzeugt das Sprechen selbst sehr lebhafte 19*