Beziehungen der Gemütsbewegungen und Gefühle zu Störungen der Sprache. 277 mal so groß, daß die Sprachentwicklung stillsteht .und das Kind lange Zeit nicht mehr nachahmt, ja es kommt sogar vor, daß es hei öfter mißlungenen Nachahmungsversuchen. in Weinen ausbricht, offenbar unter der hemmenden Last der Spannungsgefühle, die keine Entladung finden können. Der gleiche eigentüm¬ liche Zirkel ist endlich bei der Entwicklung der spontanen Sprache zu beobachten und führt, wie wir noch sehen werden, dort manch¬ mal zu sehr schweren sprachlichen Hemmungen. Daß bei der Erforschung dieser eigenartigen Entwicklung durch die systematische Arbeit eines psychologisch geschulten Arztes, wie ihn Heubner dafür fordert, viel wertvolles und für das volle Verständnis pathologischer Erscheinungen unumgänglich notwendiges Material geschaffen werden könnte, ist ohne Zweifel. Auch der normal sprechende Erwachsene steht mit seinen Sprachproduktionen stets unter dem Einfluß der Affekte. Wir alle wissen ja aus Erfahrung, daß Verlegenheit, ängstliche Vorstellungen, Zweifel am eigenen Können, Schuldgefühl, Ehrfurcht, aber auch erhöhte Seelenstimmung, Ereude, Stolz, gehobenes Selbstbewußtsein, die freie Beherrschung des sprachlichen Ausdrucks wesentlich be¬ einflußt und je nach der Art der Beeinflussung entweder fördert oder hemmt. Also: der allgemeine körperliche und seelische Zustand wirkt außerordentlich merkbar auf unsere Sprachproduktion, weniger merkbar auf die Perzeption ein. Der Inhalt des Gesprochenen hat naturgemäß die allergrößte Einwirkung auf den Gefühlston. Weniger deutlich erscheint von vornherein der Einfluß der Form des Ge¬ sprochenen. Wer aber selbst einmal vor einer Versammlung frei gesprochen hat, und sei es nur bei Gelegenheit eines Toastes ge¬ wesen, wird wissen, wie sehr der Gefühlston von der Leichtigkeit, mit der man gerade seinen Gedanken wörtliche Form zu geben vermag, abhängig ist, wie der erhöhte, positive Gefühlston dann seinerseits befreiend, treibend und bahnend wirkt, wie der herab¬ gesetzte, negative Gefühlston bei schlechter, wenig befriedigender Formfindung seinerseits hemmt und das Weitersprechen erschwert. Jeder von Ihnen wird diesen Kampf, dieses Wogen der Gefühle kennen gelernt haben, wenn er einmal gezwungen war, Ausführungen in einer fremden Sprache zu machen, die ihm trotz allen Gymna¬ sialunterrichtes nicht einmal für die gewöhnlichen Bedürfnisse des täglichen Lehens geläufig war. Wie froh war er, wenn er seinen Gedanken nach einiger Übung im fremden Idiom solche Form zu Bericht über den VI. Kongreß. 19