276 Hermann Gutzmann. „Yater der Sprache“. Das Schreien des Kindes ist nach Ablauf der ersten Wochen sicher der Ausdruck für die zahlreichen Un¬ lustgefühle, die es in den ersten Monaten seines irdischen Daseins bewegen. Den Alten drängte sich diese affektioneile Beziehung so stark auf, daß sie sogar meinten, daß das Kind gleich bei seiner Geburt durch sein Schreien gegen den Eintritt in das irdische Jammertal protestiere. So nennt der Hegelianer Michelet den Schrei des Neugeborenen das „Entsetzen des Geistes über das Unterworfensein unter die Natur“; so meint Kant1), daß das Ge¬ schrei des Neugeborenen nicht den Ton des Jammers, sondern den der Entrüstung und des aufgebrachten Zornes an sich habe; er schreie, „nicht weil ihn etwas schmerzt, sondern weil ihn etwas verdrießt“. Das ist offenbar weitaus antezipiert, da wir das Schreien gleich nach der Geburt und auch noch in den ersten Wochen im wesentlichen wohl als einfachen Reflex ohne Beteiligung der korti¬ kalen Zentren ansehen müssen. Ist doch die Schmerzempfindlich¬ keit bei Neugeborenen nach Kußmaul fast gleich Null und bis zur dritten Woche nach Soltmanns und Westphals Versuchen so gering, daß sie faradische und galvanische Ströme, die für Er¬ wachsene völlig unerträglich sind, ohne die geringsten Abwehr¬ bewegungen oder Schreien ertragen. Erst mit dem Ende der siebenten Woche (Mann, Stintzing, Westphal) wird die Erreg¬ barkeit eine wesentlich höhere. Dann zeigen sich aber auch im Schreien bereits akustische Unterschiede, die der Mutter oder Wärterin fast untrüglich die Ursache des Schreiens verraten: offen¬ bar die ersten Äußerungen von Unlustaffekten. Sowie dann später die ersten Greifbewegungen Ausdruck irgend einer lust¬ betonten Empfindung sind, so sind auch die gesamten reflek¬ torischen Lallmonologe des viermonatigen Kindes Ausdrucks¬ bewegungen seiner (primären) Lustgefühle. Andererseits erzeugt das Hören der eigenen, selbst produzierten Laute beim Kinde wiederum sekundäre Lustgefühle, die sicher außerordent¬ lich stark sind, so stark, daß das Lallen ab und zu durch ein fröhliches Kreischen unterbrochen wird. Auch in der Nachahmungs¬ periode ist der Nachahmungstrieb offenbar von starben Lustgefühlen abhängig; andererseits erzeugt gelungene Nachahmung wiederum sekundäre Lustaffekte, schlecht gelungene oder gänzlich mi߬ lungene schwere depressive Unlustaffekte. Letztere sind manch- *) Kant, Anthropologie, 1798, S. 325.