272 Hermann Gutzmann. Hörstummheit nur unvollkommen ausgebildet: die Kinder spre^ chen einige Worte mehr oder weniger deutlich, schwerfällig („brady- arthrisch“) artikuliert, oder sie sprechen mit erschwerter Wortfindung (Bradyphasie), oder in mangelhafter grammatischer bzw. syntakti¬ scher Form (Agrammatismus, Akataphasie. Steinthal). Ist die Stummheit dadurch veranlaßt, daß das Kind hochgradig schwerhörig oder von Geburt taub ist, so bezeichnen wir dies als Taubstummheit: Surdomutitas, Mutitas surdorum, und rech¬ nen dazu auch diejenigen Kinder, bei denen die Taubheit nicht angeboren ist, sondern in den Kinderjahren erworben wurde, weil durch die eintretende Taubheit der für das Festhalten der sprach¬ lichen Bewegungsvorstellungen notwendige fortwährende adäquate Hörreiz verloren geht und die Kinder die erworbenen Spraehbewe- gungsvorstellungen vergessen. Endlich kann eine Unmöglichkeit, die Sprache zu erlernen, durch die verschiedenen Formen der Idiotie begründet sein: Mu¬ titas idiotica. Die zweite Unterform der Dyspbasien (s. o.) bilden dann die verschiedenen Formen der Dysphasien (s. str.), die Aphasien : sensorische, motorische Aphasie, amne¬ stische Aphasie, Agrammatismus, Akataphasie, Paraphasie usw., die dem Arzte ent¬ sprechend ihrer bekannten Verknüpfung mit anatomisch-pathologischen Unterlagen am geläufigsten sind. Zu diesen Gruppen gehören auch Fälle von Sprachverlust, welche bisher nicht pathologisch-anatomisch begründet sind, so die hysterische Aphasie (Mutismus, Mutazismus, Apsithyrie), ferner die bei Kindern ab und zu be¬ obachtete— Henoch hat mehrere Fälle beschrieben, ebenso Lichtenstein und ich selbst — reflektorisch entstehende Aphasie durch Würmer (Aphasia helmin- thica); auch die nicht gerade notwendigerweise hysterisch bedingte, sondern auf starke Unlustwirkungen zurückzuführende Aphrasia voluntaria, freiwillige Stummheit der Kinder, die häufiger vorkommt, als man bisher annahm, ge¬ hört hierher. Schon hieraus ist ersichtlich, daß das Gebiet der Dyspha¬ sien (s. str.) größer umschrieben werden muß als bisher. Als besondere Formen der Aphasie möchte ich neben den drei Hauptformen, der sensorischen, motorischen und gemischten Apha¬ sie, die Hypophasie bzw. Bradyphasie einfügen, die Verlangsamung und Erschwerung der Wortfindung sowie der Satzbildung, häufig verbunden mit Embolophrasie, einer Erscheinung, die nicht nur auf Entwicklungsstörungen der Sprache bezogen werden kann, sondern auch bei Erwachsenen auf Grund anatomisch bedingter zentraler Störungen eintritt, ohne daß eigentlich Aphasie in den vorher ge¬ nannten Formen besteht. Sehr oft bildet sie bei der Sprachent¬ wicklung den Hauptanlaß zur Entstehung des Stotterns (s. u.).