Beziehungen der Gemütsbewegungen und Gefühle zu Störungen der Sprache. 211 Kußmaulsche Einteilungsprinzip mehr an, als das bisher Gesagte. Daß wir bei der Haupteinteilung in Dysphasien und Dysarthrien unter den ersteren alle Störungen der inneren Sprache, die Diktions¬ störungen, und unter Dysarthrien die Sprechstörungen — den Un¬ terschied „Sprachstörungen“ und „Sprechstörungen“ hebt Schuster sehr richtig hervor —, Störungen der Artikulation, verstehen, ist bekannt. Eine nähere Ausführung erübrigt sich also. Nur einige Einzelheiten müssen erwähnt werden. Bei den Dysphasien müssen wir, worauf ich schon vor Jahren und mehr als einmal hinwies, aus klinisch-diagnostischen und klinisch- therapeutischen Gründen sorgfältig unterscheiden zwischen der Sprachlosigkeit = Mutitas, d. h. dem Zustande,, den wir bei Kindern so häufig finden, bei denen aus irgend einem Grunde die Sprache sich nicht entwickeln konnte, und dem Sprachverlust = Aphasie, dem Zustande, bei welchem durch irgend eine Krankheit die vorhanden gewesene Sprache verloren ging. Daß bei letzterer die Einwirkung auf Gemütsbewegung und Gefühle eine wesentlich stärkere ist, habe ich oben schon erwähnt. Das neugeborene Kind ist stumm, wenn es auch erfreulicher¬ weise nicht stimmlos ist. Es ist vom Standpunkt der Lautsprache aus betrachtet stumm: Mutitas physiologica. Dieser Zustand besteht verschieden lange, je nach Anlage, Geschlecht des Kindes (Mädchen lernen meist früher sprechen als Knaben), Tempera¬ ment, Nachahmungslust usw., normalerweise aber nicht länger als bis zum Ende des zweiten Lebensjahres. Bleibt die Stummheit, die Sprachlosigkeit über diesen Zeitpunkt hinaus bestehen, so spricht man von Hörstummheit, falls das Kind, wie bis dahin ziemlich sicher festgestellt wurde, hören kann und sonach die normale Ein¬ gangspforte für den Aufbau der Lautsprache besitzt. Diese Hör¬ stummheit = Audimutitas (Coën nannte sie Alalia idiopa- thica, Hugo Stern nennt sie Mutitas physiologica prolon- gata) ist selten eine ganz reine. Sehr häufig verknüpft sie sich mit einer mäßigen Schwerhörigkeit oder mit mäßigen Störungen der Intelligenz, auch können organische angeborene Defekte zu ihrem Bestehen beitragen. Immerhin darf die Schwerhörigkeit niemals so stark sein, daß die bequeme Perzeption der Umgangssprache verhindert wird — denn dann würde Taubstummheit bestehen—, und die Intelligenzstörung nicht so groß, daß das Kind nicht spricht, „weil es nichts zu sagen hat“ (Griesinger), denn dann würde es sich um idiotische Stummheit handeln. Häufig genug ist die