259 Über die Beziehungen der Gemütsbewegungen und Gefühle zu Störungen der Sprache. Von Hermann Gutzmann, Berlin. Alle Ausdrucksbewegungen, als deren vornehmste und diffe¬ renzierteste Art wir die Lautsprache des Menschen ansehen dürfen, haben schon als solche unlösbare Beziehungen und ursächliche Zu¬ sammenhänge mit Gemütsbewegungen und Gefühlen. Sie drücken eben — wie ihr Name sagt — unsere Gemütsbewegungen aus, teilen sie den anderen Menschen mit, gleichviel ob die Mit¬ teilung beabsichtigt war oder nicht. Als ursächlich können wir die Zusammenhänge bezeichnen, weil Gemütsbewegungen und Gefühle tatsächlich Ausdrucksbewegungen erzeugen. In diesem Sinne habe ich seinerzeit den Affekt „Vater der Sprache“ genannt1). Wenn aber auch sprachliche und andere Ausdrucksbewegungen von Gemütsbewegungen und Gefühlen kausal bedingt sind, so ist damit durchaus noch nicht gesagt, daß nun auch Störungen der ersteren stets von primären Störungen der letzteren kausal abhängen, von ihnen bedingt sein müssen. Oft ist das freilich der Fall, aber bei weitem nicht immer; ja, es tritt nicht selten der Fall ein, daß Störungen der Sprache ihrerseits erst sekundäre Störungen der Gemütsbewegungen und Gefühle erzeugen. Wir werden deshalb t zwischen „primären“ und „sekundären“ Gemütsbewegungen und Gefühlen unterscheiden müssen, wenn wir ihre Beziehungen zu Störungen der Sprache richtig einschätzen wollen. Diese Unter¬ scheidung wird ein wesentlicher Teil der Aufgabe unseres Themas sein, vielleicht sogar der wesentlichste, weil die mannigfachen Ex¬ périmenta naturae, als welche wir hier die sprachlich-pathologischen Erscheinungen ansehen können, dem Experimentalpsychologen auch für das Gebiet der physiologischen Psychologie lohnende Ergeb¬ nisse in Aussicht stellen. 1) Man vergleiche dazu Meiimanns „emotionelle“ und „evolutioneile“ Wurzel der Sprache, die bez. Ausführungen bei W. und C. Stern u. a. m.