Angebliche Merkmale der Phantasie. II nicht tue. Ist das erstere der Fall, wie man z. B. wohl bei der »Spontaneität des Verstandes« annimmt, so sind spontan und will¬ kürlich identisch. Trifft dagegen das letztere zu, wie unzweifelhaft bei der Phantasie, so werden nun umgekehrt spontan und unwill¬ kürlich gleichbedeutend, daher sich denn auch Wolff geradezu dieses letzteren Ausdrucks bedient und danach die Phantasie von tlem nach seiner Meinung willkürlich funktionierendem Gedächtnis unterschieden hat. Offenbar ist es aber vor allem diese negative Bedeutung des Begriffs, die man im Auge hat, wenn die Sponta¬ neität der Phantasie in der plötzlichen, einer Inspiration gleichen¬ den Entstehung ihrer Schöpfungen gesehen und nun wohl auch ihre schöpferische Kraft mit dieser Unabhängigkeit ihrer Gebilde von dem eigenen Willen des Schaffenden in unmittelbare Verbindung gebracht wird. Damit hängt dann unverkennbar wieder der geheim¬ nisvolle Zauber zusammen, der nicht bloß in den Augen der Menge die Produktionen des künstlerischen Genies umgibt, sondern der auch gelegentlich die Psychologie bei einer mystischen Metaphysik Hilfe suchen läßt. Das geschieht um so leichter, weil schon in der popu¬ lären Anwendung der Begriff der Phantasie zumeist der Region des normalen Seelenlebens entrückt und auf die spezifischen Leistungen der erfinderischen und namentlich der künstlerischen Phantasie ein¬ geschränkt wird. Damit wird dann auch die Psychologie dazu ver¬ fuhrt, nicht, wie es sonst bei allen ihren Problemen als Regel gilt, von den einfacheren und allgemeingültigen Phänomenen zu den ver- wickelteren und selteneren aufzusteigen, sondern umgekehrt mit diesen zu beginnen und die gewöhnliche Phantasietätigkeit höchstens als eine rudimentäre Form dieser vollkommeneren Leistungen gelten zu lassen. Dabei begibt es sich jedoch, daß die Eigenschaft der Spontaneität gerade bei der künstlerischen Produktion augenschein¬ lich in den zwei entgegengesetzten Bedeutungen zutreffen kann, die das Wort auf psychologischem Gebiet angenommen hat. Gewiß kann die Phantasietätigkeit hier ein vollkommen unwillkürliches Ge¬ schehen sein, und wahrscheinlich ist sie das ursprünglich immer. Doch nicht minder kann der Wille bald sie anregen, bald regulierend in sie eingreifen. Damit wird aber diese Eigenschaft überhaupt von fragwürdiger Bedeutung, und auf keinen Fall ist sie geeignet, irgend¬ wie als ein spezifisches Merkmal der Phantasie zu gelten. Vielmehr