IO Die Phantasie. und die der Kombination sehr selten in annähernd gleichem Maße bei einem Menschen entwickelt sind, und daß ein ungewöhnlich hoher Grad der Phantasiebegabung nach der einen dieser Richtungen mit einem verhältnismäßig sehr geringen nach der andern verbun¬ den sein kann1). Enthalten die Eigenschaften der Anschaulichkeit und der Produktivi¬ tät oder, wie wir den letzteren Ausdruck richtiger übersetzen, der freien Kombination des Erlebten zwar keine brauchbaren Unterschieds¬ merkmale, aber doch immerhin nichts Falsches, so steht es nun be¬ denklicher mit der dritten Eigenschaft, der Spontaneität. Denn dieses Wort leidet überhaupt an dem Übelstand, daß es in der Be¬ deutung, in der es hier gebraucht wird, den Begriff, den es enthält, den Willen, eigentlich negieren soll. Beim Lichte besehen be¬ deutet es nämlich genau dasselbe, was dereinst Wolff das »unwill¬ kürliche« Wirken der Einbildungskraft genannt hat. Ein Ereignis, das ohne unser Zutun aus den in ihm selbst liegenden Kräften her¬ vorgeht, geschieht nach lateinischem Ausdruck »sua sponte«. Es ist der Gegensatz zu »mea sponte«, zu dem, was aus unserem eige¬ nen Willen hervorgeht. Indem nun aber der aus dieser Redeweise gebildete Begriff der »Spontaneität« aus dem Objekt in das Subjekt hinüberwanderte, ereignete sich das Merkwürdige, daß er zwei ein¬ ander diametral entgegengesetzte Bedeutungen annahm, je nachdem er auf den Willen dieses Subjekte oder auf irgendein anderes »Seelenvermögen« bezogen wurde. Auf den Willen übertragen sind natürlich spontan und willkürlich ein und dasselbe. Denkt man sich dagegen irgendeine andere seelische Funktion mit Sponta¬ neität ausgerüstet, so kommt es zunächst darauf an, ob man vor¬ aussetzt, daß der Wille an dieser Funktion teilnehme, oder ob er es *) Mit Rücksicht auf dieses Verhältnis kann man daher wohl, wie ich ander¬ wärts bei dem Versuch einer Einteilung der Formen des individuellen »Talentes« vorgeschlagen habe, vom praktisch-psychologischen Standpunkte aus die Phantasie¬ begabung in die der anschaulichen und der kombinierenden Phantasie scheiden. Diese Einteilung beruht aber natürlich schon auf der Voraussetzung, daß es sich dabei immer nur um ein mehr oder minder handeln kann, und darin liegt eigentlich auch bereits eingeschlossen, daß weder eines dieser Merkmale für sich allein noch beide zusammen die Phantasietätigkeit gegen andere psychische Funktionsgebiete irgendwie sicher abgrenzen. Vgl. Grundzüge der physiologischen Psychologies in, S. 636.