Angebliche Merkmale der Phantasie. 9 bei den Produktionen der Phantasie manchmal besonders lebhaft der Beobachtung aufdrängen. Aber ebenso gewiß ist, daß weder die einzelnen noch alle zusammengenommen irgend sichere Kri¬ terien abgeben, um das, was wir Phantasietätigkeit nennen, von andern, gewöhnlich nicht dazu gerechneten Gebieten des seelischen Lebens abzugrenzen. Wohl sind die Gebilde der Phantasie an¬ schaulich. Aber wo gibt es denn Bewußtseinsinhalte, die über¬ haupt der Anschaulichkeit entbehren? Es könnte sich also höchstens um ein mehr oder minder handeln. Sobald wir uns aber einmal auf Grade der Anschaulichkeit einlassen, so bemerken wir unschwer, daß diese allenfalls ein Mittel abgeben können, um verschiedene Richtungen der Phantasieanlage zu unterscheiden, daß aber eben deshalb die Anschaulichkeit selbst als kein allgemeines Merkmal der Phantasie gelten kann. Es gibt z. B. Dichter, deren Schöpfungen eine eminent anschauliche Phantasie verraten. Aber es gibt andere, bei denen das durchaus nicht der Fall ist, und denen wir doch keineswegs die Phantasie absprechen können, ja denen wir nach anderer Richtung, z. B. nach der Fähigkeit der Erfindung und Kom¬ bination, einen hohen Grad derselben zuerkennen müssen. Ähnlich wie mit der Anschaulichkeit verhält es sich mit der Produktivität der Phantasie. Natürlich ist ja dieses Wort überhaupt nur im rela¬ tiven Sinne zu verstehen. Keine Phantasie der Welt kann etwas absolut Neues produzieren, sondern die Eigenschaft der Produktivi¬ tät besteht eben in der Fähigkeit, das einmal Erlebte in veränderten Anordnungen zu wiederholen, also in der Eigenschaft, durch die man die Phantasie von dem Gedächtnis zu unterscheiden pflegt. Da¬ nach würde die sogenannte Produktivität der Phantasie nur in einer besonderen, freieren Form der Reproduktivität bestehen, nämlich in der Kombination verschiedener Wahmehmungsinhalte zu einem neuen, eigenartigen Ganzen. Das ist dann aber wieder eine Eigen¬ schaft, die der Phantasie keineswegs spezifisch eigentümlich ist, und die sogar in solchen Fällen, wo diese in anderer Richtung, z. B. nach der Seite der Anschaulichkeit, stark entwickelt ist, verhältnis¬ mäßig zurücktreten kann. Darum ist auch sie wiederum viel mehr geeignet, gewisse Formen der Phantasiebegabung zu unterscheiden* als die Phantasie überhaupt zu kennzeichnen. Dies gilt um so mehr, als die Erfahrung zu lehren scheint, daß die Gabe der Anschaulichkeit