Die Phantasie. 8 4— und dadurch verändert werden, erfüllt sein kann. Im einen wie im andern Falle handelt es sich also nicht im allergeringsten um wirkliche Beobachtungen, sondern um logische Überlegungen und schließlich der Hauptsache nach um Folgerungen aus willkürlich definierten Begriffen. Nach diesen Begriffen und den aus ihrer De¬ finition gezogenen Schlüssen müssen sich die Tatsachen richten. Wäre Wolff nicht im Zweifel gewesen, ob die Tiere überhaupt eine Seele besitzen, so würde er ihnen wahrscheinlich Einbildungskraft, aber kein Gedächtnis zugeschrieben haben, da er dazu ein gewisses Maß willkürlicher Aufmerksamkeit für nötig hielt Herbert Spencer erklärt umgekehrt, die Tiere und selbst die niederen Menschenrassen seien nur mit »erinnernder Einbildungskraft « ausgerüstet, die kom¬ binierende Phantasie sei aber das Privilegium einer höheren Kultur. Gleichwohl hat dieser Philosoph selbst in seiner »Soziologie« ein reiches Material von Tatsachen gesammelt, in denen mancher andere wahrscheinlich die Symptome einer wilden, das Entlegenste kom¬ binierenden Phantasie primitiver Völker erblicken würde1). 3. Angebliche Merkmale der Phantasie. Ebenso mißlich wie mit den Versuchen, die Phantasie gegen die ihr nächstverwandten psychischen Funktionen abzugrenzen, verhält es sich mit den einzelnen Eigenschaften, die als kennzeichnend für ihre Wirksamkeit angeführt werden. Als solche gelten namentlich drei: die Anschaulichkeit, die Produktivität und die Spon¬ taneität. Die Gebilde der Phantasie sollen anschaulich sein, und diese Eigenschaft soll sie vornehmlich von den Produkten des Ver¬ standes, den Begriffen, scheiden. Sie sollen ferner nicht bloße Wiederholungen früher gehabter Anschauungen, sondern schöpferisch sein. Und sie sollen endlich von selbst, spontan, als plötzliche, oft unvermutete Eingebungen in die Seele treten, wieder im Unterschiede von den planmäßig und absichtlich entstehenden Erzeugnissen des verstandesmäßigen Denkens*). Es läßt sich wohl nicht bestreiten, daß sich solche Eigenschaften x) Herbert Spencer, Soziologie, deutsch von B. Vetter, I, 1877, S. 112. 2) A. Oelzelt-Newin, Über Phantasievorstellungen, 1889, S. 1 ff.